Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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vor dem Heiligenbilde einer reinen Seele ſtand, betete ich Sie an, obwohl ich für Sie zitterte. Meine Jünglingsträume kamen Sie zu verwirk⸗ lichen, und dieſe verlornen Träume durfte ich nun nicht mehr belächeln, denn ſie waren als Wirk⸗ lichkeit in's Leben getreten. Das unſchuldige, reine Weib, an deſſen Daſein ich lange ſchon nicht mehr geglaubt, ſtand vor mir, und ich durfte meine Jugend nicht mehr mitleidig beklagen, ich durfte mir ſagen:nicht an das Unmögliche haſt Du geglaubt! So floh ich mit meiner Weltverach⸗ tung, mit meinen Schmerzen und verlornen Ide⸗ alen unter den Schutz Ihres unſchuldigen Lächelns, Ihrer muthigen Seele, und Sie gaben mir einen Theil meiner verlornen Jugend, meiner zerriſſenen Träume zurück.

Oh, ſagte Giſela unter Thränen lächelnd, ſo war mein Leben doch nicht umſonſt und nutz⸗ los! So habe ich denn einen kleinen Theil meiner Sendung erfüllt!

Und Sie ſind berufen, das Höchſte zu leiſten

und zu erfüllen! Haben Sie nur den Muth, es

zu wollen! Einſt, Giſela, warnte ich Sie vor der Welt, bat ich Sie, klug Ihr Weſen zu umhüllen, und der Welt zu geben, was der Welt iſt, indem Sie ſich fügten den Bedingungen dieſer Welt. Sie haben mit der Welt gebrochen, wohlan, ſo haben Sie nun auch den Muth, über dieſen Ab⸗ grund, der Sie von ihr trennt, keine Brücke

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