Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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war ein ſchöner Muth, mit dem Sie hinaus tra⸗ ten aus dem ſtillen Frieden Ihrer Kindheit, mit dem Sie Ihre Unſchuld und Seelenreinheit der Menſchheit entgegen trugen, und nichts von der Welt forderten, als dieſe anzuerkennen, und ihr die Freiheit ihrer Exiſtenz zu gönnen! Es war ein ſchöner Muth, ſage ich, aber er war thöricht. Denn hienieden ſiegt nicht der Muth der Wahr⸗ heit, ſondern die Feigheit der Lüge, und man glaubt nicht an das unverhüllte Angeſicht, ſondern an die künſtliche Maske. Die Wahrheit hält man für Frechheit und Tänſchung, und die Lüge, die mit geſchminkten Wangen und demüthigem Kopf⸗ neigen einher tritt, dieſe Lüge und Falſchheit be⸗ grüßt man als die Wahrheit. Und deshalb, Gi⸗ ſela, iſt es thöricht, der Welt gegenüber in un⸗ verhüllter, göttlich nackter Wahrheit zu erſcheinen. Die Lüge wird verſchämt die Augen ſenken, ſie wird die heilige Nacktheit, welche ſie nicht be⸗

greift, ausſchreien als Schamloſigkeit, und ſofort

werden Tauſende einſtimmen in dieſen Ruf, denn indem man die Schamloſigkeit verdammt, ſteht die eigene Tugend höher und ungefährdeter da, als

wenn man es wagt, ſie mit einem andern Namen

zu nennen und ſie zu vertheidigen. Und dies iſt Ihr Verbrechen, Giſela, daß Sie geſündigt haben gegen den Schein, ein Verbrechen, welches die Welt niemals verzeiht!

O mein Gott, es iſt alſo wahr, rief Gi⸗