Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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ſich ſicher ſtellen zu können gegen ihre Angriffe, wenn Sie mit entblößtem Haupte, mit unverhüll⸗ ter Bruſt ſich vertrauensvoll ihr naheten? Armes, betrogenes Kind, wie ſehr haben Sie die Menſch⸗ heit überſchätzt, wie ſehr über die Welt ſich ge⸗ täuſcht! Glauben Sie mir, mehr denn die Hälfte Derer, welche die Welt, mit Unehre und Schande bedeckt, aus ihren Kreiſen und ihrer Gemeinſchaft verſtoßen hat, vor welchen die Menſchheit wie vor einem Schandpfahl augenniederſchlagend vorüber⸗ geht, mehr denn die Hälfte dieſer Armen, Ver⸗ ſtoßenen, Verunehrten, mehr denn die Hälfte die⸗ ſer, ſage ich, war rein und ſchuldlos, und die Welt hat ſie belaſtet mit ihrer eigenen Sünde und Schande. Dieſe Märtyrer mußten die Sünde der Welt auf ſich nehmen, und fallen als Opferlamm der allgemeinen Schuld! Oh, die Menſchheit iſt kleinlich und ohne Glauben, und in der Bequem⸗ lichkeit geiſtigen Müßigganges ſteinigt ſie die Un⸗ ſchuld, weil ſie die Schuld Steine gegen dieſe Unſchuld erheben ſieht! Glauben Sie, unter Tau⸗ ſenden iſt kaum Einer, der ein freies, ſelbſtſtän⸗ diges Urtheil hat, und alle Andern ſprechen es ihm nach, und ſchwören auf ſein Urtheil, weil ihnen dies bequemer iſt, als ſelbſt zu prüfen, zu erwägen, weil vereint mit der allgemeinen Mei⸗ nung ſie weniger Angriffen und Kämpfen ausge⸗ ſetzt ſind, als wenn ſie es wagen, ein freies,

ſelbſtſtändiges Urtheil zu haben. Wir lachen über

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