Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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an Indith zu meiden, und ihrer Kälte ſich unem⸗ pfindlich zu zeigen, vergebens ſuchte er in Giſela's heißer Liebe Erſatz für Judith's Kälte.

Immer ſchwebte es vor ihm mit verlockenden, glänzenden Farben, das Bild dieſes ſchönen, ſtolzen Weibes, das ſeinen Liebesſeufzern nur lächelnden

Spott, ſeinen Schwüren nur muthwilligen Un glauben entgegen ſetzte, immer tönte vor ſeinen Ohren dieſe melodiſche, reine Stimme, die niemals für ihn erzittert war in der Ueberfülle der Liebe.

Und Judith verſtand es, dieſe Leidenſchaft ſtets wach zu erhalten, ſtets auf's neue zu reizen. Hatte ſie ſich grauſam gezeigt, ſo wußte ſie ihn wieder durch eine anſcheinend unwillkürliche Freundlichkeit zu verſöhnen; hatte ſie ihn mit finſterer Kälte von ſich gewieſen, ſo rief ein leiſes, mildes Lächeln ihn bald wieder zurück; hatte ſie ihn Stunden lang gar nicht zu beachten geſchienen, ſo überraſchte er plötzlich ihren verſtohlenen Blick, der mit innigem Ausdruck auf ihm zu rühen ſchien, aber ſofort von ihm abgelenkt ward, ſobald ihre Augen ſich begegneten. Einmal ſogar hatte ſie, nach⸗ dem ſie ihn vorher mit grauſamer Kälte verſpottet und zur Verzweiflung getrieben, ihm ihre Hand ge⸗ reicht, und dieſe Hand hatte unmerklich in der ſeinen

gezittert. Baron Walther nahm dann dieſe wohlbe⸗

rechneten Künſte vollendeter Coquetterie für unwill⸗ kürliche Aeußerungen des Gefühls und hoffte wieder