Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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ſpenden zu hören.Ich bin gewiß, der Knabe war auch ſchön wie ein Engel, nicht wahr?

Schön? Deſſen entſinne ich mich nicht mehr, und ich muß geſtehen, daß das auch wenig Intereſſe für mich hat. Die Schönheit erfreut nur mo⸗ mentan, ihr größter Feind iſt die Gewohnheit, welche der Häßlichkeit größter Freund iſt. Man gewöhnt ſich beim öftern Sehen ſo ſehr an die Schönheit eines Geſichtes, daß man derſelben zuletzt gar nicht mehr gewahr wird, wie Einem andrerſeits die Häßlichkeit durch die Gewöhnung zuletzt zur Schönheit werden kann.

Walther biß ſich die Lippen, daß ſie bluteten, und ſicher würde er von dieſem Augenblick an Judith gehaßt haben, wenn nicht eben dieſe ihre impoſante Unfreundlichkeit und Kälte ihn gereizt und zu ihr hin gezogen hätte. Es war als zöge ein unſichtbarer Zauber, eine magnetiſche Kraft ihn willenlos dieſer granſamen Schönheit nach, und von dieſer Stunde an ward er der Sclave Judith's. Sie zu beſiegen, ſie zu gewinnen, dieſer Gedanke war es, der den Baron Tag und Nact beſchäftigte und endlich ſich aufſchwang zu dem glü⸗ hendſten, leidenſchaftlichſten Verlangen. Die ver⸗ letzte Eitelkeit ſteigerte ſich in ihm zu einer Höhe, die in ihren Symptomen den Leiden einer Leiden⸗ ſchaft zu vergleichen war, nichts aber gemein hatte mit ihren Freuden und ihrem Glück.

Vergebens gelobte ſich Walther oft, von nun