Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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Nein, nein! Erzählen Sie!

Nun, die Baronin Judith, immer noch ein⸗ gedenk ihrer ſchweſterlichen Pflichten, hat an Giſela geſchrieben und ſie aufmerkſam gemacht auf den neuen, unerhörten Scandal, welchen ſie der Welt giebt, indem ſie ihrem jetzigen Liebhaber, dem Baron Walther, zu jeder Zeit des Tages den Zutritt in ihre Villa geſtattet. Sie hat ſie zu⸗ gleich beſchworen, ihr zu ſagen, ob das Gerücht wirklich gegründet ſei, daß der Baron Walther ihr Liebhaber ſei, und wenn dies der Fall, hat ſie ihr angeboten, bis zum Tage ihrer Vermäh⸗ lung in das Haus der Baronin Judith zurück zu kehren, damit der Anſtand nicht länger verletzt würde.

Wie großmüthig!

Wie erhaben!

Und was erwiederte Giſela auf dies edel⸗ müthige Anerbieten?

Sie ſchrieb ihr in kurzen Worten zurück, daß Baron Walther allerdings ihr Geliebter ſei, daß ſie aber für das Anerbieten, zu ihrer Schweſter zurück zu kehren, danke, da ſie die Kraft in ſich fühle, allein der Wächter ihrer Tugend zu ſein!

Ihrer Tugend! Ha, ha, ha!

Wie unverſchämt, es einzugeſtehen, daß er ihr Geliebter iſt!

Was werden Sie aber ſagen, meine Herren, flüſterte der Kammerherr von Kranz leiſer und