Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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kalten Manne ſich in Liebe ergeben zu ſehen, einem Manne, der in der Kälte und Starrheit ſeines Gemüthes nimmer im Stande ſein konnte, ein Weib zu beglücken; aber diesmal verhinderte ihr eigenes Intereſſe ſie, ſich dieſer höhniſchen Freude hinzugeben. Sie mußte und wollte die Gemahlin des Barons werden, das heißt, in dem ſchlimmſten Falle, wenn es auf keine andere Weiſe möglich, das Teſtament ihres verſtorbenen Gemahls unwirk⸗ ſam zu machen. Nicht ſobald hatte ſie dieſen Ent⸗ ſchluß gefaßt, als ſie auch klar ihre ganze Aufgabe durchſchaut und begriffen hatte.

Sie ſuchte demgemäß des Barons Eitelkeit zu reizen, ihm durch ihre Gleichgültigkeit und Kälte zu imponiren, ihn anzuziehen durch ihr gänzliches Nichtbeachten ſeiner Perſon. Sie wußte, daß, um ihn zu feſſeln, es weit wirkſamer ſei, ihm keine Aufmerk⸗ ſamkeit zu zeigen, als ihm freundlich und lächelnd entgegen zu kommen; letzteres war er gewohnt, und darum konnte es ihn nicht reizen, nur der Widerſtand konnte im Stande ſein, ihn zu feſſeln, und Judith verſtand vollkommen dieſe Coquetterie anſcheinender Kälte.

Für ſie ſchien der Baron Walther gar nicht zu eriſtiren, nicht vorhanden zu ſein; ſie ladete ihn weder in ihren Salon, noch ſchien ſie, wenn ſie ihn in anderen Kreiſen traf, ſeine Gegenwart zu bemerken. Niemals ſah man ſie ihn anblicken, ſeinen Worten zuhören, niemals einſtimmen