Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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und erpreßt den Prieſtern, die am Altare beten, Seufzer der Beklemmung und Angſt, daß ſie nicht mehr zu unterſcheiden vermögen, ob ſie leiden oder entzückt ſind. Nicht wahr, ich habe Dich verſtan⸗ den, und Dein prüfendes Auge lächelt mir Zufrie⸗ denheit? Du kennſt auch dieſe Schmerzen, dieſe Qual des Glückes, dies Uebermaß der Wonne, das zu arm iſt für den Ausdruck, und ſich vom Schmerz ſeine Thränen borgen muß! Aber ſage mir, Geliebteſter, kennſt Du es auch, dies unbe⸗ ſtimmte Sehnen und Suchen? Fehlte ich Dir auch, ehe ich bei Dir war? Sahſt Du auch in Deinen Träumen mein Antlitz vor Dir, riefſt Du nach mir in der Einſamkeit Deiner Bruſt? Kannſt Du zweifeln, Giſela? Wie lange hatte ich Dich ſchon gekannt, ehe ich Dich ſah,

wie lange nach Dir geſchrieen in der Oede meiner Seele. Wie lange Dich in allen Ländern, unter

allen Himmeln Dich geſucht!

Und fandeſt 83 endlich vergraben und ver⸗ ſteckt in dieſem kleinen Winkel der Erde.

Mein Genius ging vor mir her, Geliebte, und winkte mir, ihm zu folgen; ja gewiß, ein unerklärliches Etwas hieß mich hieher eilen; es war mir, als ſeien meine Füße beflügelt, um mich raſcher zu Dir zu tragen!

Nun aber mußt Du raſten, nun habe ich die Schwingen von Deinen Füßen gelöſt, und wie ich jetzt meine Ar

ſie ſchlinge, werden