Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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finden würde, ein Echo für ſeine Wonnen und ſeine Schmerzen.

Warum Schmerzen, Giſela? fragte Walther, ſich zu ihr hernieder neigend, ihre klare Stirne zu küſſen.Was ſprichſt Du von Schmerzen? Die Liebe iſt Glück, Wonne, Entzücken, ſie kennt keinen Schmerz.

O mein Gott, ſie kennt keinen Schmerz? Was iſt es denn, was mich in der Fülle des Glückes ſo namenlos betrübt macht? Warum fühle ich oft dieſes ſchauerliche Gelüſte nach dem Tode in der Ueberfülle des Glückes? Warum füllen ſich meine Augen mit Thränen, die nicht blos der Freude, ſondern einem eigenen unerklär⸗ lichen, räthſelhaften Bangen angehören? Warum muß ich, an Dich denkend, oft laut aufſchrei vor innerer Beklemmung und vor innerer Ver⸗ zweiflung des bewältigenden Glückes? Ach ſieh Du lächelſt! Oh, jetzt erkenne ich Dich, Du böſer, neckender Geliebter! Deine Lippe ſprach, was Dein Herz nicht dachte. Du wollteſt mich prüfen, ob ich auch eingedrungen in das innerſte Heiligthum, in den geheimnißvollſten Tempel der Liebe, in welchem dicht neben einander zwei Quellen rauſchen, die eine mit den Thränen des Glückes, die andere mit denen des Schmerzes. Zuweilen berühren ſich dieſe Quellen und verſchlingen ſich zu einem ein⸗ zigen allgewaltigen Strom, und dann zieht ein klagender und jauchzender Geſang durch den Tempel,