Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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ihre begeiſterten Lobgeſänge, ſie umgab ihn mit Weihrauch und Opferduft, und er wußte ſich mindeſtens geſchickt ſo zu verhüllen, daß ſie ihren Irrthum nicht merkte, und in dem angebeteten Gotte nicht den kleinlichen Menſchen, den eitlen Schönling erkannte.

Wo er den begeiſterten Dithyramben ihrer Liebe nicht zu folgen vermochte mit Worten, da ſchwieg er klug, ſie in ſeinem Antlitz die Antwort leſen laſſend, und weil er ſeine Züge in voll⸗ kommener Gewalt hatte, logen ſie ihr niemals, las ſie immer in denſelben die Antwort, welche ihr die Lippen verſchwiegen.

Auch war ihm die Art dieſer Liebe zu über⸗ raſchend und neu, als daß er nicht Alles ſollte anwenden, um ſie ſich zu erhalten. Baron Walther hatte niemals an die Unſchuld und Reinheit der Liebe glauben wollen, und doch ward er jetzt zu die⸗ ſem Glauben gezwungen, doch mußte er erkennen, daß die Unſchuld eine Gewalt beſitze, welche alle unreinen Gedanken und Begierden in ihren Grenzen zu erhalten, jede unziemende Vertraulichkeit zurück zu weiſen vermöchte. Dieſe Gewalt, dieſer Glanz der Unſchuld war es, der überall Giſela's treuer Begleiter war, der ihr folgte auf ihren einſamen Spaziergängen mit Walther, der ſchützend über ihr wachte, immer, wenn er an ihrer Seite war, der ſie in einen Schleier hüllte, den zu zerreißen Walther weder den Muth, noch die Kraft hatte. 3