Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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nimmer kann Giſela die erhabene, bewältigende Glut dieſes Traumes vergeſſen. Das Erinnern daran durchleuchtete ſelbſt noch die Nacht ihrer Qual und ihrer Schmerzen, und welcher Art auch die Leiden waren, die Walther ihr einſt bereitete, immer doch hatte er ſie auch des höchſten irdiſchen Glückes, der entzückendſten Stunden ihres Lebens theilhaftig gemacht!

Und freilich mußte ſie groß ſein und gewaltig, dieſe Liebe, da es ihr ſelbſt gelungen war, dem kalten unbeweglichen Herzen Walther's einen flüch⸗ tigen Schimmer zu verleihen, und ihn auf einen Augenblick mindeſtens zu erwärmen mit einem nie geahnten Gefühl des Glückes. Die heißen Wellen ihres Gemüthes überſtrömten und überſtürzten ſo ganz ſein Herz, daß es an dieſer fremden Glut erwärmen, von dieſer fremden Begeiſterung mit fort geriſſen werden mußte.

Gewiß war es ſüß und erguicklich, ſo geliebt zu werden, und gewiß verlohnte es der Mühe, Alles zu thun, alle Mittel in Bewegung zu ſetzen, um des vollen Beſitzes dieſer machtvollen Liebe theilhaftig zu werden.

Baron Walther ging alſo bereitwillig darauf ein, die erhabene Erſcheinung zu ſein, für welche Giſela ihn ausgab; ſie hatte ihn auf den Altar

erhoben, und er beſaß mindeſtens Geſchicklichkeit genug, dieſe Stelle mit Würde und Anmuth zu behaupten; ſie ſang ihm als fromme Prieſterin