Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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Zürne mir deshalb nicht, lieber ſorgender Freund, denke auch nicht, daß dieſer mir innewohnende Durſt nach Freiheit das höchſte, mächtigſte Ge⸗ fühl in mir iſt. Höre vielmehr, gütiger Vater, die Beichte Deiner Tochter, die ſich nach Scla⸗ verei und Unterjochung ſehnt. Siehſt Du, ſo thöricht bin ich, daß ich, mich glücklich nennend, dennoch nach einem fernen Glücke ſeufze und, zu⸗ frieden in der Gegenwart, dennoch goldene Zu⸗ kunftsträume hege, an denen die Gegenwart farb⸗ los verbleicht. Mein Herz liegt noch im Winter⸗ ſchlaf, und unter der kalten Eisdecke deſſelben meine ich das geheimnißvolle Walten eines wer⸗ denden Blüthenlebens zu entdecken und Frühlings⸗ kräfte und Werdedrang zu empfinden. Mein Gott, wann endlich wird ein Sonnenſtrahl dieſe Eisdecke ſchmelzen und den ganzen Liebesfrühling in mir aufthauen laſſen! Wann endlich wird eine geliebte, gebietende Hand mich hernieder reißen von meiner freien, einſamen Höhe, und mich zur Unterwer⸗ fung, zur Demuth, zur Anbetung zwingen! Mein Gott, wann endlich wird die Liebe kommen, mich zu knechten und zur Sclavin zu machen. Ich ſehne mich nach ihr, wie ein König nach der Krönung, welche ihn erſt zum Könige macht. Werde auch ich nicht erſt ganz Weib ſein, wenn mir die Liebe ihre Ketten und ihre Kronen an⸗ gehängt? Mein Gott, ich ſehne mich nach Liebe, wie ſich der Blinde nach dem Sonnenglanz, nach