Licht ſehnt. Bin ich nicht auch blind, und muß nicht die Liebe kommen mir die Augen zu öffnen und den Staar zu ſtechen! O, wenn Du wüßteſt, Bernhard, wie oft ich ihn rufe, den heiß erſehn⸗ ten, unbekannten Freund, wie oft ich meine Arme ausſtrecke in die Ferne und Weite, hoffend, ſeh⸗ nend, ſeufzend und verlangend, wie oft ich ſeinen Namen ſuche in der Tiefe meines Herzens, und die Sterne um Antwort frage nach ihm! Wie oft ich mit zitternden Händen und erglühenden Wangen ſein Bild mir entwerfe, und es ſchamglühend wieder vernichte! Mein ganzes Daſein liegt in zuckender Erwartung nach dieſer ſeiner Wieder⸗ geburt durch Liebe, durch das zweite edlere Da⸗ ſein, in dem es ſich verlieren, mit dem es ver⸗ ſchmelzen möchte. O mein Gott, wann endlich wird der Geliebte kommen!“—
9n dieſem Augenblicke vernahm ſie vom Hofe her das Geräuſch eines heran galoppirenden Pfer⸗ ves. Sie ſprang auf und trat an's Fenſter. Sie ſah einen ihr unbekannten Mann ſich raſch vom Pferde ſchwingen, und die Zügel dem Diener zu⸗ werfen; Giſela meinte nie eine ſchönere, ſtolzere Geſtalt geſehen zu haben, und als er jetzt, zu ihr aufblickend, den Hut abnahm, ſie zu begrüßen, erſtaunte und erſchrak ſie faſt über die Schönheit dieſes Angeſichtes. Der eintretende Diener mel⸗ dete den Baron Walther.


