Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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Thätigkeit, nach einem bedeutenderen Wirkungs⸗ kreiſe. Es genügte ihr nicht, für ſich ſelber zu lernen und zu denken, für ſich allein ernſten Stu⸗ dien ſich hinzugeben, zu malen, zu muſiciren, ſie wollte auch Andere erwecken zum geiſtigen Leben, Anderen offenbaren die köſtlichen Quellen der Wiſ⸗ ſenſchaft und der Kunſt. Ihr verſtändiger Sinn hatte bald in der Nachbarſchaft einige befähigte junge Mädchen mit köſtlichen, friſchen Stimmen aufgefunden, und dieſe begann ſie nun zu unter⸗ richten, ihre Stimmen zu bilden. Und wenn ſie dann täglich mehrere Stunden in der Geſellſchaft dieſer jungen, mit verehrender Liebe ihr ergebenen Mädchen verbracht, dann kehrte ſie mit unendlichem Wonnegefühl in ihre Einſamkeit zurück, und oft durch die Stille der Nacht noch ertönte ihr friſcher, jubelnder Geſang.

So vergingen mehrere Wochen in völliger Ab⸗ geſchiedenheit und glücklichem Stillleben. Nur zu⸗ weilen kam Fürſt Lothar, um dieſe Einſamkeit zu unterbrechen, nicht aber ſie zu ſtören. Begann er von ſeiner Weltverachtung, ſo forderte ſie ihn auf, die Natur zu lieben, mit freundlichem Auge auf die köſtliche Landſchaft, die ſie Beide umgab, zu blicken, mit ihm einen Spaziergang durch Feld und Wald zu machen, Blumen ſammelnd und ſich freuend ihrer ſchönen Zeichnung, ihres künſtlichen Baues. Sprach er von ſeiner Verachtung der Menſchen, ſo wußte ſie ihm zu erzählen von