Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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dienen, wandelte ſie langſam zu Fuß die Straße hinunter nach dem Hötel ihrer Schweſter.

Wunderbar war es anzuſehen, dies ſchöne ſchlanke Mädchen mit dem holden, bleichen Ange⸗ ſicht, wie ſie langſam und ernſt, gleich einer Königin in ſtolzer Würde, dahin ſchritt. Auch ſchien ſie es nicht zu bemerken, daß überall an br Häuſern ſich neugierige Geſichter zeigten, daß man die Fenſter öffnete, um ihr nachzuſchauen mit Blicken hämiſcher Neugierde.

Sie war weder befangen, noch zaghaft, ſie empfand wohl dieſe ihr nachfolgenden Blicke, ſie hörte wohl die Fenſter ſich öffnen, aber ſie ſuchte weder durch dreiſtes Anſchauen zu bra⸗ viren, noch wollte ſie den Blicken ſich zagend verbergen. Sie war nur voll unbefangenen, beſcheidenen Ernſtes.

In ihrem Zimmer angekommen ließ ſie ſich langſam und ganz erſchöpft von dieſen innern Stürmen auf einen Seſſel gleiten. Sie war be⸗

tüubt, erſtarrt, aber ſie hatte keine Klage und eeinen Schmerz, nur tiefe Verachtung und unend⸗

licher Haß gegen die Welt, zugleich unerſchüt⸗ terlicher, trotziger Muth war es, der ſich in ihr regte.

Das Eintreten ihres Dieners ſchreckte ſie auf. Er kam, um den Fürſten Lothar zu melden.

Dieſer trat ein, und als ſie dann allein waren, betrachtete er lange ſchweigend das i