Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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Sie irren ſich, Fräulein, ſagte die Gräfin mit ſchneidender Kälte,ſo weit geht meine Welt⸗ verachtung nicht. Man kann Gott lieben und nach Tugend ſtreben, ohne die chriſtliche Liebe und Demuth ſo weit zu treiben, um Anderer Sünden willen ſich dem Geſpötte der Welt aus⸗ ſetzen zu wollen. Den Armen und Leidenden beizuſtehen, das erfordert die chriſtliche Liebe, aber nicht iſt uns befohlen, Denen eine Stätte zu bereiten, die durch Irrthum und Schuld das Unglück über ſich herauf beſchworen!

Das alſo, rief Giſela, ſich ſtolz aufrichtend, und die Gräfin mit flammenden Augen betrachtend, das alſo iſt die chriſtliche Liebe, dies fromme Hände⸗ falten, dies demüthige Beten und Kaſteien, es iſt weiter nichts als eine ſchöne Larve, die man vor ſein Angeſicht hält, um darunter ſeine Furcht vor der Welt und den Menſchen zu verbergen! Sie lieben Gott nur, um ſeines Schutzes ſicher zu ſein; Sie falten nur die Hände zum Gebet, um ſie nicht öffnen zu dürfen zur That der Liebe und Menſchlichkeit! Sie ſtoßen eine Seele, die in tiefer Noth um Liebe zu Ihnen ſchreit, mit roher Kälte von ſich, und wenn Sie dann der ſchreienden phyſiſchen Noth von Ihrem Ueberfluſſe und Ihrem Gelde geben, ſo meinen Sie genug gethan zu haben, ſo nennen Sie das eine That der Liebe!

Gehen Sie, Gräfin, ich bettle nicht mehr um Ihr

Herz, denn Sie haben kein Herz und keine Liebe,