Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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geſicht mit unverhüllten Waffen im offenen Kampfe ſich zu ſtellen.

In W. angekommen, eilte Giſela zur Gräfin Bennv.

Dieſe Dame, bekannt wegen ihrer chriſtlichen Frömmigkeit und Liebe, die Wohlthäterin der Armen, reich, vornehm und unabhängig, war die vertrauteſte Freundin von Giſela's Mutter geweſen und war bis jetzt den Töchtern ihrer Freundin ſtets mit zuvorkommender Liebe begegnet.

Sie hatte, als Giſela zu ihr eintrat, ſoeben wieder Judith's Brief geleſen, und empfing dem⸗ gemäß Giſela mit ruhiger, abſtoßender Kälte.

Giſela ſagte:Theuerſte Gräfin, Sie haben oft geklagt, keine Tochter zu beſitzen, Niemand, der Ihnen nahe ſteht. Ich klage, daß ich keine Mutter habe, keine Mutter, der ich gehorchen, der ich mich unterordnen, der ich meine Tage, mein Leben widmen kann! Oh, wollen Sie mir dieſe Mutter ſein, Gräfin? Wollen Sie mich annehmen zu Ihrer Tochter?

Der Ausdruck veinſter Liebe ſtrahlte aus ihrem Antlitz, als ſie der Gräfin jetzt mit einem herz⸗ gewinnenden Lächeln die Hand darreichte.

Die Gräfin aber nahm dieſe Hand nicht an, ſie trat einen Schritt zurück, und ſagte kalt:Sie haben ein ſehr heißes Herz, Fräulein, aber ich

fürchte, es wird in demſelben nicht mehr Raum

ſein für kindliche Liebe, und ich zweifle, ob ich in