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Judith eilten, fanden ſie dieſelbe aufgelöſt in Thränen und Schmerz.
„Oh, fragt mich nicht, was uns getrennt, welches die Urſache meiner Thränen,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme,„niemals, nein, niemals ſoll dies finſtere Geheimniß über meine Lippen kommen. Schont mein ſchweſterliches Herz! For⸗ dert nicht, daß ich ſelber Euch Giſela's Schande erzähle. Ihr müßtet ja auch mich verachten, wenn ich dies könnte!“
Aber dies kluge geheimnißvolle Schweigen konnte natürlich nur dazu dienen, den ſeltſamſten und ſchauervollſten Vermuthungen Raum zu geben, und bald liefen die fabelhafteſten, entſetzlichſten Gerüchte umher, die von den, Giſela's Schönheit haſſenden Damen, von den, Giſela's Kälte kennenden Herren nur zu gern und bereitwillig geglaubt wurden.
Und dies Alles nicht ahnend, mit heiterer Ruhe und roſigem Antlitz kam Giſela nach der Stadt zurück. Sie dankte in ihrem Herzen der Schweſter für dies zarte, ſchonende Betragen, nicht zu verlangen, daß ſie, nach der Scene des geſtrigen
Tages, mit ihr in demſelben Wagen nach der
Stadt führe. Oh, ſie ahnte nicht, wie gut Judith dieſen gewonnenen Vorſprung zu benutzen gewußt; ihrem
offenen, ſtolzen Sinne war jede Intrigue unbe⸗
kannt, und als ſie den ihr hingeworfenen Hand⸗ ſchuh auſhob, meinte ſie nur, Angeſicht gegen An⸗
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