Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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Aber Judith fühlte jetzt ihren Haß die ange⸗ nommene Ruhe überwältigen, und mit ſeiner Gluth ihren Gleichmuth beſiegen.

Zudem war der Schleier Giſela gegenüber von ihrem Antlitz geriſſen, und da ihr kein Verhüllen und Verbergen mehr möglich, war ihr jede nutz⸗ loſe Verſtellung nur läſtig und zwängend. Sie pflegte ſich nur zu verſtellen, ſo lange die Ver⸗ ſtellung Zweck und Nutzen hatte; war aber dieſes nicht der Fall, dann enthüllte ſie mit einer bei⸗ ſpielloſen Frechheit ihr ganzes Innere, und man mußte erſtaunen über die rohen Gewalten, die bis dahin ſo geſchickt verborgen geweſen unter ſo lieb⸗ licher Hülle.

Sie ließ alſo jetzt die Maske der Anmuth und Freundlichkeit von ihrem Antlitz gleiten, und ihre Züge trugen nun den Ausdruck finſtern Zorns, wilder Rache. So mit blitzenden Augen, mit glühenden Wangen, mit feſt auf einander gepreß⸗ ten Lippen ſtand ſie vor Giſela, die mit einer Art muthigen Trotzes ihr lächelnd in das zornige An⸗ geſicht ſchaute.

Ah, endlich alſo ſehe ich Dein wahres Antlitz, ſagte Giſela dann,endlich zeigſt Du Dich mir, wie Du biſt.

Ja, und endlich jetzt ſollſt Du erfahren, was ich für Dich empfinde, rief Judith mit einem grauſamen Lachen.In dieſer Stunde mindeſtens ſollſt Du Dich nicht über Mangel an