Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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Wahrheit zu beklagen haben, in dieſer Stunde ſollſt Du in meine Seele ſchauen, und auf dem Grunde derſelben all den Haß, die Verachtung leſen, die ich für Dich empfinde. Ja, ich haſſe Dich, und von dem erſten Augenblick, wo ich Dich ſah, wo ich meinen Schweſterkuß auf Deine Lippen drückte, von dieſer Sekunde an haßte ich Dich!

Indasküſſe! ſagte Giſela verächtlich.

Albernes Kind, zu glauben, daß man in der Welt andere Küſſe giebt und empfängt! Albernes Kind, zu glauben, daß meine Lippen Dir Wahr⸗ heit ſprachen, wenn ſie Dir ſchweſterliche Liebe ge⸗ lobten. Sieh mich an, Giſela, mit ſolchem Blick des Haſſes hat meine Seele immer auf Dir ge⸗ ruht, und wenn meine Arme Dich umfingen, ſpä⸗ heten ſie zugleich nach einer Stelle, wo Du am empfindlichſten zu verwunden! Jedes Weib iſt die natürliche Feindin der andern, und an dieſe Feind⸗ ſchaft nicht glauben, heißt der Welt und den Weibern Hohn ſprechen! Du haſt mich aber ver⸗ höhnt mit Deinem kühnen Muthe, der keck der Welt Trotz bieten und ſie durch Wahrheit beſie⸗ gen wollte, wo wir nur durch Fleiß und Kunſt uns jeden Triumph erkaufen können. Mit einem Lächeln, mit thatenloſer Ruhe wollteſt Du ein Diadem von meinem Haupte reißen, das zu er⸗ obern ich meinen Nächten den Schlaf, meinen Tagen die Ruhe genommen, um deſſentwillen ich jede Wurzel der Natur aus meinem Herzen ge⸗