Aber nur einen Augenblick war es, daß ihre Züge dieſe Gedanken ihrer Seele ausdrückten, dann nahm ihr Antlitz wieder ſeinen ruhigen, heitern Ausdruck an, und ihre Hand auf Giſela's Schul⸗ ter legend, ſagte ſie theilnahmsvoll:„Du biſt krank, Giſela, Deine Wangen glühen, und Deine Augen leuchten in Fiebergluth.“
„Ich fürchte, der Traum dieſer Nacht hat mich krank gemacht,“ ſagte Giſela,„ich fürchte auch die Wiederkehr dieſes Traumes, der mich leicht in dieſen Mauern wieder beſchleichen könnte, und deshalb werde ich dieſelben heute noch ver⸗ laſſen!“
„Ich kam eben, um Dir vorzuſchlagen, mit mir nach der Stadt zurück zu kehren,“ ſagte Judith.
„Wohl, ich nehme dieſen Vorſchlag an, und ſo möge denn dieſe Fahrt unſere letzte gemein⸗ ſchaftliche ſein!“
„Wie, Du wollteſt—“
„Mich von Dir trennen will ich mich, um nicht wieder ſo böſe Träume zu haben, und um, un⸗ gehindert von Deinen frommen und tugendhaften Worten, meinen Neigungen und Wünſchen leben zu können.“
„Und wer, meinſt Du, wird Dich unter ſeinen Schutz nehmen, und Dir zugleich geſtatten, Deinen eben ſo abenteuerlichen als anſtößigen Neigungen zu folgen?“


