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ſagte Giſela, ſie ernſt und ſtolz anblickend,„ein Traum, in dem ich Dich als eine gleisneriſche Schauſpielerin, eine glänzende Lüge ſah, ein Traum, in dem alle Flittern der Tugend, mit denen Du Dich vorher ſorgſam behängt hatteſt, von Dir abfielen, und Du in aller Häßlichkeit des enthüll⸗ ten Laſters vor mir ſtandeſt.“
„In der That, das muß ergötzlich geweſen ſein,“ ſagte Judith mit ruhigem Lächeln.„Es war Recht von Dir, Giſela, daß Du ſogleich zu mir eilteſt, um Dich durch meinen Anblick zu überzeugen, daß jenes ſchaudervolle Bild nur ein Traum geweſen.“ „Judith!“ rief Giſela mit dem Ausdruck des Entſetzens und der Empörung.
„Schweſter!“ ſagte Judith, ruhig den Blick zu ihr hin wendend.
Ihre Augen begegneten ſich, feſt und durch⸗ dringend ſahen ſie lange ſchweigend einander an. Aber Giſela vermochte den Blick dieſer großen heuchleriſchen Augen nicht länger zu ertragen, ſie fühlte ſich beſchämt, gedemüthigt, ſo entſetzensvoller Frechheit gegenüber, und ſeufzend ſenkte ſie die Augen zu Boden.
Ein ſchnelles triumphirendes Lächeln flog durch Judith's Züge. Sie hatte geſiegt, mit ihrer Ruhe und Unerſchütterlichkeit geſiegt über ihrer Schwe⸗ ſter gerechten Zorn, ſie, die Schuldige, hatte einen Triumph gefeiert über die Mitwiſſerin ihrer Schuld.


