Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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Aber dieſe Demüthigung, die ſie äußerlich ver⸗ bergen wollte, empfand ſie doch in ihrem Innern; es gab nun doch ein Weſen, das ſich hinfort we⸗ der von ihren tugendhaften Worten, noch von ihrem frommen Händefalten würde täuſchen laſſen, ein Weſen, das in ihr Inneres geſchaut, und auf dem Grunde deſſelben all dieſe mühſam verbor⸗ genen Leidenſchaften und Intriguen erkannt hatte.

Daß dies Weſen ihre Schweſter war, kam dabei nicht in Betracht, Indith ſchwur ſich ewige glühende Rache, ſie ſchwur ſich, das Mädchen, das ihr feindlich und hemmend im Wege ſtand, zu verderben, es koſte, was es wolle.

Ihre Augen glühten in wildem Haſſe, und ihr Athem ging ſtürmiſch aus ihrer Bruſt hervor, als ſie mit krampfhaft geballten Händen dieſen finſtern Schwur der Rache ausſtieß, und ihrer Schweſter ewigen Haß gelobte.

Aber Indith war Meiſterin in der Verſtel⸗ lung; als ſie bald darauf in Giſela's Zimmer trat, war ihr Geſicht heiter und klar wie immer, und mit liebevollem Lächeln reichte ſie ihrer Schwe⸗ ſter die Händ.

Und nun ſage mir, fragte ſie dann in leichtem neckendem Ton,ſage mir, Giſela, was für ein finſterer Traum hat Dich geſtern erſchreckt und geängſtigt, daß Du ſogar bei mir Schutz da⸗ gegen ſuchteſt?

Ja, in der That, es war ein finſterer Traum,