Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

denn Wahrheit iſt das erſte Geſetz meiner Natur, und nichts haſſe ich mehr, als die Heuchelei!

Nun gut, rief Judith ungeduldig,mögen.

Deine Ueberzeugungen ſein, welcher Art ſie wollen, ſo darf ich, als Deine Schweſter, welche Mutter⸗ ſtelle bei Dir vertritt, welche Dich in ihrem Hauſe aufgenommen, ſo darf ich fordern, daß Du min⸗ deſtens aus Dankbarkeit gegen mich Dich meinen gerechten Anforderungen fügſt, und Alles vermei⸗ deſt, was der Welt ein Aergerniß iſt. Iſt es nicht aber auch empörend, Tage und Nächte lang in dem Hauſe deſſen zu bleiben, von dem alle Welt weiß, daß er Dir den Hof macht?

Ich durfte nicht daran denken, daß ich in ſeinem Hauſe, ſondern nur, daß ich in dem Ster⸗ bezimmer meiner Freundin war. 5

Die Welt aber wird daran denken, rief Judith heftig.

So mag ſie es, erwiederte Giſela ruhig, und mag ſie ſich erinnern, daß man nur dann die Welt nicht ſcheut, wenn man nichts zu ver⸗ bergen hat, und daß man ſelten ſchuldig iſt, ſo lange man es verſchmäht, den Schein zu Hülfe zu rufen.

Judith ſchien einen Augenblick in Verwirrung zu gerathen, und wieder ruhte ihr Auge prüfend auf dem Angeſicht ihrer Schweſter. Giſela be⸗ merkte es nicht, und fuhr unbefangen fort:Und Zwei Lebenswege. I. 2