dann, Judith, wenn die Welt mir zürnt, biſt Du dann nicht da, ſie mir zu verſöhnen? Du, die man das Muſter aller Tugenden nennt?“
„Aber man wird an mir ſelber zweifeln und irre werden,“ ſagte Judith noch immer grollend, „wenn Du fortfährſt, Dich und mich ſo zu com⸗ promittiren! Verſprich mir mindeſtens, Giſela, in der Zukunft mehr über Dich zu wachen und be⸗ dachtſamer zu ſein!“
„Ich kann nichts verſprechen,“ ſagte ſie, leicht das Haupt ſchüttelnd,„nichts, wovon ich weiß, daß ich es nicht halten kann! Und ſchlüge Emma
ihre lebensmüden Augen wieder auf und riefe
nach mir, ſo würde ich an ihr Lager eilen, ob auch die ganze Welt auſſtände, mich zurück zu halten!“
„Abſcheulich!“ rief Judith außer ſich.
„Emma war meine Freundin,“ fuhr Giſela ruhig fort,„und wahre Freundinnen ſind ſo ſel⸗ ten, daß jede Minute, die man an ihrer Seite iſt, ein Gewinn für das Leben genannt werden kann! O meine arme Freundin! wer anders als die Welt hat ihr Herz vor der Zeit gebrochen, dieſe harte, mißtrauiſche Welt, die ich von Grund meines Herzens verabſcheue!“
„So gehe in ein Kloſter,“ rief Iudith.
„Nein, ich will leben und das Leben ge⸗ nießen, aber auf meine Weiſe,“ ſagte Giſela.
Ein Beſuch ward gemeldet, und Giſela war
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