Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

nommen, und der Tod hatte ſeinen Bruder, den Gram, geſandt, daß er dieſe Blume entblättere und es ihm leichter mache ſie zu pflücken; lang⸗ ſam, langſam hatte der Gram Blatt nach Blatt abgepflückt, bis nichts mehr übrig blieb, als ein gebrochenes Herz, bereit, dem Tode, als dem letz⸗ ten und einzigen Freunde, ſich in die kalten Arme zu ſchmiegen.

O wie viele Thränen haben dieſe Augen ge⸗ weint, die jetzt mit ruhigem, klaren Blick dem Tode entgegen ſchauen, wie lebensmüde iſt das ſchöne Haupt geſenkt, über das erſt zwanzig Sommer dahin gegangen, und das doch ſchon dem Grabe ſich entgegen neigt.

Aufgelöſt iſt ihr ſchwarzes, langes Haar, und hängt wie ein großer Trauerſchleier über die pur⸗ purnen Kiſſen und die Seiten des Logers hinab, das Antlitz des Kindes beſchattend, das in fried⸗ lichem Schlummer in der Wiege ſchläft, die neben dem Lager der Sterbenden ſteht.

Seltſam und ſchauerlich iſt dieſer Anblick. Zwei Geheimniſſe neben einander, das Geheimniß des Lebens und des Todes; hier ein lächelndes Kind an den Pforten des Lebens, und dort ein ächzen⸗ des junges Weib an den Pforten des Todes.

Wer von ihnen Beiden iſt der Gewinnende?

Iſt es die Mutter, welche bald den Tod um⸗ armen wird, oder iſt es das Kind, das ſchlum⸗ mernd ſeine Arme dem Leben entgegen ſtreckt?