Teil eines Werkes 
11. Theil (1860) Die Künstlerin : Roman / von L. Mühlbach
Entstehung
Einzelbild herunterladen

205

ſehen. Und wenn den ſeligen Geiſtern ein Er⸗ innern vergönnt iſt an die Leiden und Frenden der Erde, dann werde ich dort oben Dir ſagen, wie ich es jetzt ſage: Es war doch ſchön, daß ich Dich kennen lernte, ach ein Augenblick des Glückes und der Liebe iſt nicht zu theuer erkauft mit einem ganzen Leben voller Thränen!

Emilie an Solau.

Sie hatten recht, mein theurer, mein väter⸗ licher Freund, o warum glaubte ich nicht Ihren Worten! Ich bin einſam, meine Seele ruft nach Ihnen, kommen Sie zu der Ver⸗ einſamten! Sie hatten recht, aber auch ich! Und jenes hohe Jeal, das ich in mir trage, es wird nicht immer ein Traum der Phantaſie bleiben, es wird einſt ins Leben treten und wird die Menſchheit beglücken und ſie auf eine Stufe erheben, von der aus die jetzige Zeit klein und unbedeutend zu ihren Füßen liegt, und ſie werden nicht faſſen können, daß ſie die Höhe vor ſich hatten und im niedrigen Thale ſo lange geblie⸗ ben! Aber noch werden Jahrhunderte vergehen bis zu jener Zeit, daß ich jetzt und nicht dann lebe, das iſt mein Unglück, mein Schickſal. So bin ich eine Märtyrerin meines Glaubens. Ich werde ihn nicht aufgeben, wäre er auch die Ur⸗ ſache meines Todes. Socrates trank den Gift⸗ becher unverzagt, er widerrief nicht um körper⸗