Teil eines Werkes 
11. Theil (1860) Die Künstlerin : Roman / von L. Mühlbach
Entstehung
Einzelbild herunterladen

die Kunſt überwand Alles, ihr gab ich all mein Empfinden. Und mit raſtloſem Eifer ſtrebte ich nun allen meinen Fflichten zu genügen, ich wollte begeiſtern, nicht für mich, für meine Gottheit, meine Kunſt, und der Jubel der Menge, das Beifallsjauchzen, nicht mir galt es, der Gottheit gehörte es, deren Prieſterin ich bin. Doch nur Jungfrauen war es vergönnt, das hei⸗ lige Feuer im Tempel der Göttin zu nähren, es erloſch, wenn ſie einem ſterblichen Weſen ihre Ge⸗ fühle weiheten, und im Erlöſchen vernichtete es die Abtrünnige. So ſangen die Alten ich weiß es beſſer, die Liebe fachte das Feuer höher an, und heller flammte es auf, und be⸗ glückender; was ich gelernt, ſeit ich Dich kenne und liebe, iſt mehr, als was ich ſonſt bis dahin in jahrelangem Streben mühſam errang, und ſo ſchreckt mich nicht der alten Mythe trüber Sinn. Könnte ich Dir nur das entzückende Gefühl ſchildern, wenn nun die todte Leinwand ſich be⸗ lebt, wenn ein Auge uns anblickt, ein Mund uns lächelt, und wir fühlen, und jauchzen: das iſt mein Werk! Und iſt es nicht etwas Wunderbares um die Malereid Der Pinſel gleitet dahin über die Leinwand, und wenige Linien bilden Leben, trauriges oder freudiges, je nach der Verſchieden⸗ heit des Striches. Eine Linie aufwärts gezogen am Munde, ein gerundeter Strich an der Naſe giebt Lachen, umgekehrt Weinen.

Und ein Auge