Teil eines Werkes 
1. Band (1859)
Entstehung
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haften Geſtalt faſt einem Kinde, auf deſſen reiner, von keinem Wölkchen verdüſterten Stirn nur die ſüßeſte, friſcheſte Lebensluſt ſtrahlte. Doch plötzlich konnte der Ausdruck ihres Geſichtes wechſeln, das Lächeln ver⸗ ſchwand von ihren Lippen, die Stirne ward gedanken⸗ voll und trübe, und aus ihren großen Blicken ſtrahlte ein trotziges, ſtürmiſches Feuer. In jenem Moment ein liebliches, zartes Kind, war ſie in dieſem ein volles, glühendes Weib, das mit ſeiner Lebenskraft und ſeiner Lebensgluth dem Schickſal und dem Unglück kühn ſich entgegenzuſtellen ſchien.

Sie hatte eben noch gelächelt; jetzt verfinſterte ſich ihre Stirn, und ihre Augen flammten, denn ſie wußte, daß ſie nicht mehr allein war, ſie hatte die ſich nä⸗ hernden Schritte jenes Mannes gehört, der eben aus der offnen Salonthür auf den Balkon trat. Obwohl ſie nicht zu ihm umſchauete, obwohl ſie ſein Kommen gar nicht zu bemerken ſchien, wußte ſie doch an dem zürnenden Schlag ihres Herzens, dem inſtinktartigen Erbeben ihrer Seele, daß der, welcher ihr nahte, ihr verhaßter Verfolger ſei, verhaßt ihr, weil er ſie liebte und ihre Gegenliebe forderte.

Das junge Mädchen gab ſich den Anſchein, den hinter ihr Stehenden gar nicht zu bemerken Sie lehnte ſich tiefer über den Balkon, und ſummte ſich leiſe ein engliſches Lied, das von Heimweh und Ver⸗ laſſenheit klagte. Aber er, den ſie ihren Verfolger nannte, er wußte es wohl, daß ſie ihn lange ſchon bemerkt hatte, und ein unheimliches, grauſames Lächeln glitt durch ſeine finſtern Züge, als er wahrnahm, daß ſie ihn nicht beachten wollte.

Ich will ſie wenigſtens zwingen, mich zu bemer⸗ chte er mit heimlichem Zorn. Es ſoll nicht

ken, da

n, daß dieſes ſtolze, übermüthige Kind