Teil eines Werkes 
[3. Band] (1858)
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Das Geſicht des enthaupteten Prinzen hatte die matt⸗ weiße Farbe des Elfenbeins, und dieſe Farbe ward noch mehr durch die Blutflecken gehoben, welche es an mehren Stellen bedeckten. Der Tod hatte, indem er dieſes Menſchenantlitz berührte, deſſen ſanfte und ein wenig weibiſche Züge bei mehr als einer Gelegenheit das Gepräge der Unentſchiedenheit, der Schwäche, ja der Feigheit getragen, der Tod, ſagen wir, hatte alle Gebrechen des Fleiſches davon verſchwinden und nur eine unerſchütterliche, heitere Ruhe, eine ſanfte und doch gebietende Maſeſtät darauf zurückgelaſſen.

Henriette heftete auf dieſes Antlitz einen von Thränen verſchleierten Blick, in welchem ſich ihre ganze Seele mit all ihren unenblichen Qualen ſpiegelte. Dann beugte ſie ſich dar⸗ auf nieder und berührte mit ihren Lippen und benetzte mit ihren Thränen die Hände, den Mund, die Wangen, die Augen, die Stirn, das Haar dieſer andern Hälfte ihres Seyns.

»Ja, Du hatteſt Recht, mein Vielgeliebterls murmelte ſie, indem ſie die Augen gen Himmel richtete,ja, die Liebe iſt ſtärker als der Tod. Trotz des Giftes, welches mich tödtet, fühle ich in meiner Bruſt noch jene Liebe ſchlagen, welche un⸗ ſterblich iſt, wie unſere Seele.«

Die Trauernde ſchwieg und legte ihre Hand aufs Herz, wie um einen Schmerz zu beſchwichtigen.

»Und dann, o mein Gott, Vater der Barmherzigkeit!« fuhr ſie fort,wenn dieſer theure Todte und ich, wenn wir Uebles gethan haben, ſo hört dieſes mit unſerem Leben auf und ich bitte Dich, zur Sühne unſerer Vergangenheit die na⸗ menloſen Schmerzen anzunehmen, welche wir Beide gelitten und die ich noch in dieſem Augenblick leide.«