19
beſſer kennen lernte, wußte ich die guten Eigenſchaften Ihres Herzens zu würdigen. Nun hätte ich Ihnen allerdings Alles anvertrauen, hätte Ihnen mitthei⸗ len ſollen, daß ich jene Frau bin, mit der Ihr Freund nicht hatte leben können. Indem ich Ihnen aber dieß verborgen hielt, erfuhr ich von Ihnen eine Menge Sachen, die Sie mir nicht geſagt haben wür⸗ den, wenn Sie meinen wahren Namen gewußt hätten: die Liebſchaft Jenneville's mit der Frau von Remonde, die dummen Streiche, die er ihr zu lieb macht, ſein inconſequentes Betragen, alles dieß hätten Sie mir ſicherlich nicht mitgetheilt, wenn Sie gewußt hätten, daß ich ſeine Frau wäre; denn aus Furcht, mir Schmerzen zu verurſachen, hätten Sie mir die Wahr⸗ heit verſchwiegen. „Nun wiſſen Sie die Urſache meines Schweigens. Wenn ich gefehlt habe, indem ich Ihnen mein Ge⸗ heimniß nicht bälder entdeckte, ſo verzeihen Sie mir, Herr Deligny, und entziehen Sie mir deßhalb Ihre Freundſchaft nicht. Sie kennen meine traurige age in der Welt. Von dem, den ich verehrte, ver⸗ ſtoßen, habe ich Unrecht gehabt, wenn ich Ihnen ſagte, ich dürfe die Liebe nicht mehr kennen? Söll ich deßhalb aber auch keinen Freund mehr haben?“ Sie ſchweigt; ich habe ihr zugehört, ohne ſie zu unterbrechen und verharre in meinem Schweigen. Wos ſollte ich ihr ſagen? Ich fühle wohl, daß ſie gegen mich nicht im Geringſten ſich verfehlt hat, denn ſie hat meine Liebe nie angefeuert, aber ich bin deß⸗ halb nicht weniger unglücklich. 2*


