520
ſeine Stimme.„Ellen, meine liebe Schweſter, gute Nacht! Gott im Himmel ſegne Dich!“ das war Alles, was er ſagen konnte. Der letzte Satz entfuhr ihm gleichſam unwillkürlich, als wenn er blos hätte Gute Nacht ſagen wollen. Und län⸗ ger als eine Minute hielten ſich Bruder und Schweſter um⸗ ſchlungen. In Mrs. Hamiltons Augen ſtanden Thränen und die ihres Gatten waren ungewöhnlich trüb, denn es be⸗ durfte keiner Worte, um ihnen die Qual zu offenbaren, die in dieſem Augenblicke die beiden jungen Herzen erduldeten, namentlich das Herz Ellens, denn ihr Loos war das des Weibes, zu dulden— bis die Zeit die Wahrheit von Ed⸗ wards Entſchlüſſen beweiſen und bis ſich herausſtellen würde, daß er wirklich der edle Character ſei, wozu ſeine Anlagen berechtigten. Sie riß ſich von ihrem Bruder los, und da ſie weder ihre Tante noch ihren Onkel anzureden wagte, aus Furcht, daß ihre Selbſtbeherrſchung ſie alſobald verlaſſen möge, eilte Ellen aus dem Zimmer.
„Gehe zu ihr, Tante Emmeline! O ſage ihr, ich will ihr nie, nie wieder Kummer machen!“ bat Edward, ſobald er ſprechen konnte, und erfaßte die Hand ſeiner Tante.„Sie hat um meinetwillen den ganzen Abend mit ſich gekämpft und wird morgen dafür zu leiden haban, wenn ſie ſich nicht Luft macht, und ſie wird weniger ſchmerzliche Thränen ver⸗ gießen, wenn Du ihr Troſt zuſprichſt.“
„Sie wird ſich wohler befinden, wenn ſie eine kurze Zeit allein bleibt, mein lieber Junge. So jung ſie iſt, ſo weiß ſie, wo ſie Troſt zu ſuchen und zu finden hat, und ihre Thrä⸗ nen werden unbeſchränkter fließen, wenn ſie weiß, daß nur Gott ihr Zeuge iſt, der ſie auch geſunden laſſen wird. Ich werde mich nicht von Dir verabſchieden. Ellis wollte einige Weiſungen in Betreff Deiner Sachen, und ich werde nachher zu Dir in Dein Zimmer kommen.“
Mrs. Hamilton kannte das menſchliche Herz recht gut. Als ſie zu Ellen ging, hatte ſich der natürliche Schmerz Luft gemacht, und ihre Theilnahme, ihre offen ausgeſprochene Ueberzeugung, daß der geliebte Bruder ſie nicht wieder durch Verirrungen und Reue quälen werde, konnte ſie tröſten.


