Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 2. Band (1857)
Entstehung
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jetzt in die Loge der Fremden eintreten ſahen, ſtand es bei ihnen Allen feſt, daß es nothwendig ſei, die Bekanntſchaft der geheimniß⸗ vollen Dame zu machen, welcher Graf Podſtadzky eben mit ſo viel Ehrfurcht und Aufmerkſamkeit begegnete, daß er es nicht wagte neben ihr Platz zu nehmen, ſondern in ehrfurchtsvoller Haltung vor ihr ſtehen blieb, während ſie auch nicht einen Moment um ſeinetwillen ihre nachläſſige, bequeme Stellung aufgegeben hatte.

Als der Graf Podſtadzky endlich die Loge der Dame verlaſſen, eilten die jungen Cavaliere aus ihren Logen, um dem Grafen zu be⸗ gegnen, um ihn mit glühender Neugier über den Namen, den Stand und die Verhältniſſe der jungen Fremden auszufragen.

Graf Podſtadzky gab ihnen auf alle ihre ſtürmiſchen Fragen genügende Auskunft. Er erzählte ihnen, daß er die Gräfin Baillon vor einem Jahre in Rom kennen gelernt habe, wo ſie mit ihrem Gemahl, einem achtzigjährigen Greis, an den die Habgier ihrer ver⸗ armten Aeltern ſie verkauft hatte, ein glänzendes Haus gemacht, und die Zierde der hohen, ſo excluſiven und ſtrengen Ariſtokratie des alten Roms geweſen. Er erzählte ferner, daß man ſie in Rom nicht bloß wegen ihrer Schönheit, ihres Geiſtes, und ihres Reichthums bewundert habe, ſondern mehr noch wegen ihrer ſtolzen unnahbaren Tugend, die an der Seite eines alten, verhaßten Gemahls, und umringt von einem Heer junger ſchöner Anbeter, um ſo merkwürdiger geweſen. Aber ſelbſt die größte Wachſamkeit der neidiſchen und eiferſüchtigen Damen Roms habe an der jungen Gräfin keinen Makel finden und nicht einer ihrer Anbeter habe ſich verrühmen können, von der Gräfin jemals nur eine kleine Bevorzugung, ein kleines Zeichen ihrer Gunſt erhalten zu haben. Daher habe man die Gräfin immer nur la Contessa del cuore freddo genannt. Ferner erzählte der Graf Podſtadzky, daß er ſelber die glühendſte Liebe zu dieſer wunderbaren, kaltherzigen Schön⸗ heit empfunden habe, und in Verzweiflung gebracht von ihrer Grau⸗ ſamkeit, um ihretwillen Rom verlaſſen habe. Jetzt aber, da er ſte ſo unerwartet hier wieder gefunden, habe er der Verſuchung nicht widerſtehen können, ſie zu begrüßen, und habe mit heimlichem Ent⸗ zücken von ihr vernommen, daß ſie ſeit einigen Monaten Wittwe, Erbin der ungeheuren Reichthümer ihres Gemahls und Willens ſei, eine Saiſon in Wien zu verleben.