Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 2. Band (1857)
Entstehung
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Sage

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mir, was bedeuten dieſe Thränen? Oh Kind, treibe Deinen Vater nicht zur Verzweiflung, ſage mir, warum Du weinſt?

Ich weine, weil das, was ich lange fürchtete, jetzt als eine fürchter⸗ liche Wahrheit vor mir ſteht, flüſterte ſie ſchluchzend. Ich weine, weil mein Vater, mein theurer, angebeteter Vater, ſeine Rache und ſeinen Haß mehr liebt, als ſein einziges Kind, denn ſeinem Haß will er die Seele ſeines Kindes opfern, und um ſeiner Rache willen ſoll ſeine Tochter ſich zu einer elenden Coquette erniedrigen, welche die Liebe, die Unſchuld und die Tugend dem ſtolzen, herzloſen Ruhm opfert: die elende Begier einiger armen, verſchuldeten Grafen und Barone erregt zu haben!

Ich ſage Dir aber, fuhr ſie fort, ihr Haupt raſch emporhebend und ihren Vater mit blitzenden Augen und glühenden Wangen an⸗ ſchauend, ich ſage Dir, mein Vater, und ich ſchwöre es Dir bei dem Andenken an meine Mutter, die uns dort droben erwartet, ich werde niemals mich zu ſolcher Coquetterie erniedrigen, und niemals ſoll es geſagt werden, daß Rahel in kaltem höhniſchem Uebermuth Liebe zu erwecken ſuchte, ohne ſie erwiedern zu wollen! Oh, jetzt verſtehe ich erſt, weshalb Du all' dieſen Herrn erlaubteſt, in unſer Haus zu kom⸗ men, jetzt begreife ich, warum dieſer hochmüthige Wüſtling, vor dem meine Seele zurückſchaudert und der ſich in ganz Wien den Namen des Frauenverführers erworben hat, warum der Graf Liechtenſtein Podſtadzky das Recht hat, ſich Deiner Tochter zu nahen und mir ſeine ſchlimme Geſellſchaft aufzudrängen!

Ihr Vater ſtieß einen Ausruf der Freude aus und ein ſtrahlen⸗ des Lächeln flog über ſein Antlitz hin. Du liebſt ihn alſo nicht? fragte er, ihre beiden Hände ergreifend und ſie feſt an ſeine Bruſt drückend. Sag' es, meine Tochter, wiederhole es mir noch einmal, Du liebſt ihn alſo nicht dieſen ſchönen Grafen Podſtadzky?

Wie? Ich ſollte ihn lieben, dieſen entarteten Wüſtling, dieſen Menſchen ohne Herz, ohne Geiſt und ohne Seele! rief Rahel mit dem Ausdruck tiefen Abſcheues.

Und ich Thor fürchtete, daß das Herz meiner Rahel ſich verirrt habe, ich Thor fraß heimlich manche Nacht ſchon an dieſem Schmerz, und als ich vorhin Deine Thränen ſah, da war's mir, als ob ein Dolch mir in's Herz führe, denn ich meinte, Du weinteſt, weil Du

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