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Nein, es iſt kein Mährchen, ſagte der Kaiſer, und ich entſchuldige mich nicht, daß es ſo iſt. Die Menſchheit iſt ſo ſchlecht und er⸗ bärmlich, daß man immer darauf gefaßt ſein muß, von ihr betrogen zu werden, wenn man ihr nicht auflauert auf allen ihren Wegen, und all ihr geheimſtes Thun und Denken zu erforſchen ſucht. Es iſt traurig und ſchreckensvoll, daß es ſo iſt, aber ſo lange die Völker nicht edler, beſſer ſind, können auch die Regierungen nicht edler und beſſer ſein, können ſie ſolcher Hülfsmittel nicht entbehren.
Aber ich habe mich nie eines Vergehens gegen Ew. Majeſtät ſchuldig gemacht, ſagte Herr Eskeles Flies ruhig. Warum ſchien denn auch mein Brief verdächtig?
Der geheimen Polizei erſcheint Jeder verdächtig, erwiderte der Kaiſer achſelzuckend. Zudem hatte ich Befehl gegeben, mir alle nach den Generalſtaaten adreſſirten Briefe vorzulegen. Es war eine Vor⸗ ſicht, die durch unſere Mißhelligkeiten mit Holland nothwendig ge⸗ worden. Und Sie ſehen aus Ihrem eigenen Brief, daß dieſe Vor⸗ ſicht nicht überflüſſig war. Es iſt ein Staatsgeheimniß, welches Sie da in Ihrem Briefe verrathen haben, mein Herr.
Verrathen? wiederholte der Banquier lebhaft. Man verräth doch
copiren, die verdächtigen zurückbehalten mußte. Die Beamten des Chiffre⸗Ca⸗ binets, zu denen auch die vertrauten Cabinets⸗Secretaire(namentlich Guͤnther) gehörten, waren hoch angeſehen, und hoch beſoldet, führten aber doch ein trau⸗ riges Leben, denn gleich Staatsgefangenen waren ſie beobachtet, behütet und be⸗ argwohnt. Sie ſtanden unter ſchärfſter Polizei-⸗Aufſicht; man wußte genau, was ſie ausgaben, wer ſie beſuchte, kannte ihre Neigungen und Vergnügen, und ſtattete täglich Rapport über ſie ab. Jeden Morgen lag auf dem Frühſtückstiſch des Kaiſers dieſer Rapport über die Staatskanzlei und das Chiffre⸗Cabinet, und auf einen Blick konnte Joſeph erſehen, wo jeder der vertrauten Arbeiter Tags und Abends vorher geweſen war. Mit dieſem Chiffre⸗Cabinet ſtand in genaueſter Verbindung die geheime Polizei, die auch täglich ihre Rapporte lieferte, und Berichte über Alles, was in Wien geſchah, gab, oft aber auch, wenn ſie nichts Beſonderes wußte, Berichte erfand, und oft von Andern für ſchweres Geld erkauft, über einzelne Perſonen lügneriſche Thatſachen mittheilte, Intriguen ſpann, und den Kaiſer öfter auf das Bitterſte über Thatſachen und Perſonen täuſchte. — Naäͤheres über das Chiffre⸗Cabinet und die geheime Polizei findet man bei Hormayr: Metternich. Ein Fragment. S. 75 u,. folg.


