Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 4. Band (1857)
Entstehung
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Nein, ſagte der Kaiſer düſter, nein, ich will ihn nicht rufen, ich muß von anderer Seite meine Ueberzeugung erlangen. Ich habe nur zu oft erfahren, wie ſehr die Menſchen es verſtehen, die Rolle der Unſchuld, der Reinheit zu ſpielen, ich weiß, daß die Menſchen alle nur Comödianten ſind, welche die Rolle ſpielen, die ihrem Eigen⸗ nutz und Vortheil angemeſſen iſt. Ich bin zu oft betrogen worden, als daß— Ah, da kommt der Banquier, unterbrach ſich der Kaiſer in ſeinem Selbſtgeſpräch, als jetzt mit donnerndem Geräuſch ein Wa⸗ gen in den innern Schloßhof fuhr, jetzt wird es ſich entſcheiden, ob Günther ſchuldig oder unſchuldig iſt!

Mit geſpannter athemloſer Aufmerkſamkeit lauſchte er nach der Thür hin. Jetzt näherten ſich Schritte, und der Kammerdiener öff⸗ nete die Thür des Cabinets und meldete: Der Baron von Eskeles Flies! 4

Der Banquier trat ein. Er war alt, ſehr alt geworden ſeit jener Nacht, als Rahel entflohen war; kaum ein Jahr war ſeitdem vergangen, aber in dieſem Jahr hatte das ſchwarze Haar ihres Va⸗ ters ſich zu Schnee gebleicht, in dieſem Jahr war der ſtarke, lebens⸗ muthige Mann von kaum funfzig Jahren zu einem Greis geworden!

Der Kaiſer ging dem Banquier lebhaft entgegen, und reichte ihm ſeine Hand. Sehen Sie mich an, Eskeles, ſagte er in ſeiner raſchen, lebhaften Weiſe, beugen Sie Sich nicht ſo demuthsvoll nieder, wir haben in dieſer Stunde nicht Zeit zu überflüſſigen Ceremonieen. Schauen Sie mir feſt in's Auge, denn ich wünſche darin zu leſen, ob Sie noch immer der treue, biedere Mann ſind, der die Lüge ſcheut, und die Wahrheit ſagt, ſelbſt wenn er fürchten muß, ſich oder An⸗ dern dadurch zu ſchaden!

Herr Eskeles Flies richtete ſein Haupt empor und ſah den Kai⸗ ſer mit ernſten, ruhigen Blicken an, und ertrug es, ohne daß eine Wimper zuckte, eine Muskel ſeines Geſichtes ſich bewegte, daß der Kaiſer ſeine großen durchdringenden Augen auf ihn heftete.

Ich ſehe es, Sie werden mir die Wahrheit ſagen, rief der Kai⸗ ſer nach einer langen Pauſe.

Der treue und gläubige Jude ſagt immer die Wahrheit, erwi⸗ derte Herr Eskeles Flies ernſt, dhas Geſetz gebietet es ihm!

Joſeph nickte leicht mit dem Kopf und trat zu ſeinem Schreiy⸗