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worden, weil man ſie ihrer Mitſchuld nicht vollſtändig hatte über⸗
Sr führen können. Doch hatte der Kaiſer befohlen, daß ſie bei dem Prangerſtehen des Grafen Podſtadzky gegenwärtig ſein und alsdann
8 ſogleich Wien für immer verlaſſen ſolle.
Das Volk las dieſe Anſchlagszettel mit ſtummem Staunen, mit einem Gefühl unheimlicher Furcht. Niemals vielleicht war es ſo ſehr zum Bewußtſein gekommen, daß eine neue Zeit gekommen, eine neue
Ordnung der Dinge hereingebrochen ſei, als in dieſem Moment.
Einer von dieſen Hochgebornen, welche das Volk immer nur von fern in ſtolzen Caroſſen, auf köſtlichen Pferden, im Gefolge des Kaiſer⸗
hofes, im Glanz der Uniformen, mit funkelnden Ordensſternen auf
1 der Bruſt geſehen hatte, ein Graf ſollte heute eine Strafe erleiden, welche bisher nur den niedrigſten Verbrechern aus der Hefe des Volks war aufbehalten worden. Ein Graf ſollte im grauen Tuchkittel, mit Ketten an Händen und Füßen, die Gaſſe kehren, welche ſein ariſto⸗ kratiſcher Fuß bisher vielleicht niemals betreten hatte.
Einer von den ſtolzen ungariſchen Edelleuten, ein Obriſt von der
9 Garde, ſollte öffentlich am Pranger ſtehen, drei Tage lang! Wie betäubt ſtarrte das Volk zu den Zetteln empor, die ihm ſo Unerhörtes verkündeten. Nicht ein Schimmer von Schadenfreude leuchtete von ihren Geſichtern; dieſe Gleichſtellung der vornehmen Herren mit dem gemeinen Mann ängſtigte ſie, däuchte ihnen ein un⸗ heimlicher Traum, aus dem ſie vielleicht bald erwachen ſollten, und
den ſte kaum wagten für Wirklichkeit zu halten. 3 9
Man mußte alſo ſich davon überzeugen, man mußte ſehen, ob
V wirklich das Urtheil vollſtreckt werden würde. Heute ſollte der Graf
n Podſtadzky Liechtenſtein am Pranger ſtehen, und dann mit dem Beſen
2— in der Hand die Gaſſe kehren. Morgen ſollte die Strafe des Obriſten r Szekuly beginnen.
lt 4 Man mußte alſo zuſehen, ob es wirklich wahr ſei, was die An⸗
ſchlagszettel verkündeten, ob wirklich ein Graf heute am Pranger
ſtehen konnte.. Von Einem Impuls geleitet, ohne Verabredung, ohne Worte
ſtrömte daher die Menge, die an den Ecken die Anſchlagszettel geleſen, durch die Straßen nach dem Kohlmarkt hin, wo die Ausſtellung ſtatt⸗ 8 finden ſollte. Nicht aus Neugierde, nicht aus Schadenfreude gingen


