Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 3. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

mögen ſie mich verketzern und verleumden, ich werde mich nicht dadurch irre machen laſſen, und zuletzt wird ihr Geſchrei doch verhallen unter den Liebesrufen meines Volkes, das einſehen wird, daß ich nur ſein Gutes will, nur lebe, um ihm die Freiheit und das Glück zu bringen. Licht! Licht! Es ſoll Licht werden in meinen Staaten, und aus⸗ treiben wollen wir alle Dunkelmänner und Nachtgeſtalten, und lachen wollen wir zu ihrem Geſchrei, ihrem Zetergeheul und ihren Pas⸗ quillen. Sehen Sie da, Günther, welche allerliebſte Sinngedichte und Bilder man mir geſtern gebracht hat.

Und der Kaiſer nahm ſeine Schreibtafel und holte einige Papiere daraus hervor. Sehen Sie zuerſt dies Gemälde hier, ſagte er lachend. Es bezieht ſich auf ein anderes großes Verbrechen von mir, darauf, daß ich den Hofdamen und Hofbeamten ihr freies Quartier in der Burg entzogen und ihnen jährliche Quartiergelder gegeben habe, um in der Stadt ſich ſelber eine Wohnung zu miethen. Sehen Sie nur, hier wandern die Hofdamen, jede mit ihrem Bündel unter dem Arm, zur Burg hinaus. Der Oberhofmeiſter kehrt mit dem Beſen hinter⸗ her, und dieſes allerliebſte Herrchen hier in der Ecke, mit der Hetz⸗ peitſche in der Hand, ſoll, wie mir ſcheint, mein Conterfei ſein. Und nun dieſe Unterſchrift:„Allhier ſind im erſten und zweiten Stock Zimmer zu überlaſſen. Wer ſolche miethen will, hat ſich beim Haus⸗ herrn im erſten Stock zu melden.“*) Nun, was ſagen Sie zu dieſer Satyre?

Sie iſt eben ſo abſcheulich, ungerecht, als gemein und beißend!

Mich beißt ſie gar nicht, ſagte der Kaiſer lachend, nicht einmal die Haut fühle ich mir davon verletzt. Ich habe eine heile Haut, wen es juckt, der kratze ſich, ich hab's nicht nöthig.**)— Dies an⸗ dere Pasquill hier hatte man mir geſtern zum Vergnügen meines Spazierritts im Augarten angeheftet, gerade in der Allee, in welcher ich, wie man weiß, immer zu reiten pflege. Hören Sie:„Joseph premier, aimable et charmant, Joseph second, Scorpion et Tyran!“

Und zu ſolchen Abſcheulichkeiten können Ew. Majeſtät noch lachen, rief Günther, glühend vor Zorn.

*) Hübner I. S. 199. **) Des Kaiſers eigene Worte.