Teil eines Werkes 
3. und letzte Abtheilung, Kaiser Joseph als Selbstherrscher : 1. Band (1857)
Entstehung
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Ich habe ſtie geleſen, ſagte die Kaiſerin traurig, ich habe dieſe Documente geleſen, aus welchen man zu beweiſen ſucht, daß Oeſter⸗ reich wohlbegründete Anſprüche an Niederbaiern habe, weil Kaiſer Siegmund im Jahre 1410 ſeinen Schwiegerſohn Albrecht von Oeſter⸗ reich damit belehnt habe. Ich habe ferner geleſen, daß Oeſterreich Anſprüche habe auf die ſchwäbiſche Reichsherrſchaft Mindelheim, wo⸗ rauf Kaiſer Matthias ſchon im Jahr 1614 dem Erzhauſe die Anwart⸗ ſchaft gegeben, und welche nachher, als der Churfürſt von Baiern 1706 in die Acht fiel, auch wirklich vom Kaiſer von Oeſterreich in Beſitz genommen ward. Hab ferner all die Actenſtücke geleſen, welche beweiſen, daß die Oberpfalz mit allen ihren Graſſchaften jetzt nach dem Abſterben der Wilhelminiſchen Linie offenes Reichslehen iſt, welches der deutſche Kaiſer als Reichseigenthum beanſpruchen müßte!

Und alles dies hat Ew. Majeſtät nicht von der Gültigkeit und dem Recht unſerer Anſprüche auf Baiern überzeugt? fragte der Kaiſer.

Alles dies hat mich nicht überzeugt, daß wir berechtigt und ge⸗ zwungen ſind, aus eitler Habgier und übermüthiger Herrſchſucht uns Länder zuzueignen, welche nicht nach unbeſtreitbarem Erbrecht uns zufallen, und deren Beſitz wir vielleicht nur mit Gewalt der Waffen und mit Strömen von Menſchenblut erzwingen könnten.

Deren Beſitz uns aber eins der ſchönſten Länder Deutſchlands zu eigen gäbe, rief Joſeph feurig, deren Beſitz Oeſterreich ſeinem großen Ziel, ein deutſches Kaiſerreich zu werden, immer näher führen würde. Wenn die Pfalz, wenn Schwaben und Niederbaiern unſer iſt, dann fließt die Donau nur noch durch Oeſterreichiſche Lande, dann iſt unſer der Handel der Levante, dann bis zum ſchwarzen Meer hinab trägt die Donau unſere Handelsſchiffe, und eines Tages wird auch der Bosporus ſich uns öffnen, und Conſtantinopel ſich gefallen laſſen müſſen, ein Hafen für Oeſterreichiſche Schiffe, ein Stapelplatz für Oeſterreichiſche Waaren zu werden. Wenn Baiern unſer iſt, gehört bald ganz Süddeutſchland unſerm Hauſe an, denn wie von einem Magnet angezogen werden auch Würtemberg und die kleinern Lande und Grafſchaften uns anheimfallen und ſich zu Eins verſchmelzen mit unſerm Oeſterreichiſchen Kaiſerſtaat, welcher alsdann als ein einiges großes Deutſchland dem nordiſchen Preußen gegenübertreten und fragen wird: ob Preußen den Muth habe, ſich loszuſagen von Deutſch⸗