1
7
Seltſam, flüſterte Maria Thereſta ſinnend. Die Joſepha hat mir oft erzählt, daß ihr Bruder die beſtimmte Ahnung habe, er werde eines Tages an den Pocken ſterben, und daß er deshalb mit ängſt⸗ licher Sorgfalt ſich vor jeder Anſteckung zu ſichern trachte.
Ew. Majeſtät ſehen alſo, daß man ſein Geſchick ahnen und wiſſen, und ihm doch nicht entrinnen kann. Das Schickſal zeichnet dem Menſchen ſeinen Lebensweg vor, und er muß ihn wandern, ob er ein Fürſt oder ein Bettler ſei! Der Churfürſt ahnte, daß er an den Blattern ſterben werde, er ſuchte ſorgfältig ſtch vor jeder Anſteckung zu ſichern, und er iſt doch an den Blattern geſtorben!
Die Kaiſerin ſchüttelte ſinnend ihr Haupt. Und wie iſt denn die Krankheit zu ihm gekommen? ſagte ſie.
Durch Anſteckung, Majeſtät; Sie ſehen wohl, Niemand entrinnt ſeinem Schickſal. Eine junge Dame, Frau von Riva, die Tochter des churfürſtlichen Oberhofmarſchalls, war zum Beſuch nach München gekommen, und logirte bei ihrem Vater im Schloſſe ſelbſt. Dort überfiel ſie dieſe unheilvolle Krankheit, die man indeß dem Churfürſten ſorgſam zu verbergen ſuchte. Er hatte in der That keine Ahnung davon, daß der Feind, dem er ſo angſtooll auszuweichen ſtrebte, bereits mit Poſaunenſchall in ſein Schloß eingeſchritten ſei, und er war in heiterſter Stimmung in Geſellſchaft einiger Freunde beim Billardſpiel beſchäftigt, als der Oberhofmarſchall, welcher eben von dem Kranken⸗ bett ſeiner Tochter kam, zu ihm in das Zimmer eintrat. Der Chur⸗ fürſt ſpielte ruhig weiter, auf einmal aber ſah man ihn erbleichen und ſchwanken, und mit dem Ruf:„Eine Perſon hier im Zimmer hat die⸗ Blattern, ich fühle es!“ ſank er ohnmächtig zuſammen. Man trug⸗ ihn ſofort auf ſein Lager, und den Bemühungen ſeiner Aerzte gelang es, ihn nach einigen Stunden wieder zum Leben zu erwecken, aber bald darauf zeigten ſich auch ſchon die Symptome dieſer fürchterlichen Krankheit, welcher der Churfürſt nach wenigen Tagen der Qualen erlegen iſt“).— Das, Ew. Majeſtät, iſt der Inhalt dieſer Depeſche, welche Graf Hartig ſofort nach dem Ableben des Churfürſten an Kaunitz abgeſandt hat. Befehlen Ew. Majeſtät, daß ich die Depeſche vorleſe?
*) Wraxall: Memoirs of the Courts of Berlin, Vienna ete. Vol. I. S. 306.


