Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 4. Band (1857)
Entstehung
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vor Gericht! Von dieſer kann man ſich reinigen, und ſeine Unſchuld be⸗ weiſen, aber gegen jene giebt es keine Waffen; die öffentliche Meinung richtet ohne zu prüfen, und verdammt oft, ohne gerecht zu ſein. Dies iſt Ihr Fall, meine Schweſter, und darum bin ich zu Ihnen gekom⸗ men, nicht, wie Sie ſagen, als Ihr Richter, ſondern als Ihr zärtlicher und treuer Freund, welcher zittert für Ihre Zukunft, für Ihren Frie⸗ den, als Ihr Bruder, welcher zu Ihnen ſprechen darf im Namen un⸗ ſerer gemeinſchaftlichen Mutter! Im Namen der edlen und hochherzi⸗ gen Maria Thereſia beſchwöre ich Sie, meine Schweſter, ſeien Sie vorſichtig und beſonnen, geben Sie Ihren Feinden keine Gelegenheit über Sie böſe Gedanken zu verbreiten! Entwaffnen Sie die Verleum⸗ dung, welche im Dunkeln ſchleicht, indem Sie immer Sorge tragen, im vollen Lichte der Wahrheit dahin zu wandeln. Nehmen Sie die Laſt Ihrer Krone mit heiterer Stirn und einem ſtolzen Herzen auf Sich, und wenn ſie Ihnen zu ſchwer deucht, ſo denken Sie, daß Sie eine Königin ſind, nicht um glücklich zu ſein, ſondern um glücklich zu machen, um ein ganzes Volk, welches auf Sie hofft, welches Ihnen entgegen jauchzt, und jetzt noch nicht den Verleumdungen Ihrer Feinde glaubt, um ein Volk, welches Sie liebt, glücklich zu machen! Geben Sie dieſem Volk Ihr Herz, Marie Antoinette, entſagen Sie allen egoiſtiſchen Wünſchen, allem perſönlichen Glück, und eines Tages, wenn Sie Ihre Feinde beſiegt haben durch Ihre Tugend, wenn Sie glänzend und herrlich daſtehen, geſegnet von einem glücklichen Volk eines Tages wird die Königin Marie Antoinette alsdann gleich mir, gleich allen Fürſten ſagen: Man kann glücklich ſein, auch ohne Glück!

Nein, mein Bruder, ſagte die Königin ſanft, und zwei große Thrä⸗ nen rollten über ihre Wangen nieder, nein, eine Frau kann nicht glück⸗ lich ſein ohne Glück! Ihr Herz bedarf des Glückes, um glücklich machen zu können. Und mein Herz iſt einſam, mein Bruder. Es ſehnt ſich nach Liebe, nach Verſtändniß, es möchte ſich hingeben in Demuth und Gehorſam, hingeben an den Gemahl, den das Schickſal an meine Seite geſtellt hat, und den ich liebe! Ja, mein Bruder, ich ſage es Ihnen aus der Fülle meiner Seele, und ich ſage es ohne zu erröthen, ich liebe

den König, mein Herz gehört ihm, obwohl er es verſtoßen und verwor⸗ Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 11