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Wehe mir, und wehe uns allen, wenn Sie Recht haben, mein Herr, ſagte Rouſſeau ſeufzend, denn alsdann iſt die Welt ein elendes Jammerthal, und wenn man wirklich weiſe wäre, ſollte man eilen, ſie zu verlaſſen! Aber verzeihen Sie, mein Herr, ich habe im Eifer des Geſprächs ſogar vergeſſen, Ihnen einen Stuhl anzubieten, und Sie ſtehen noch immer, während ich ſitze.
Er entlaſtete, haſtig aufſtehend, einen Strohſtuhl, der neben dem ſeinen ſtand, von allerlei Büchern und Papieren, und lud den Fremden mit einem Winke ſeiner Hand ein, neben ihm Platz zu nehmen.
Sie waren mit Schreiben beſchäftigt? fragte der Fremde, indem er ſich ſetzte. Ohne Zweifel darf die Welt bald wieder hoffen, ein neues Werk des großen Jean Jacques zu erhalten?
Die Welt darf nichts mehr von mir hoffen, ſagte Rouſſeau traurig. Ich bin erſchöpft, alt und unglücklich, ich ſchreibe nicht mehr.
Aber Sie ſchrieben ja ſo eben!
Ja, aber ich ſchrieb keine Gedanken nieder! Ich ſchrieb nur Noten ab, und Gott weiß, daß in dieſen Noten oft ſehr wenig Gedanken ſind!
Wie, rief der Fremde lebhaft, Sie ſchreiben Noten ab?
Ja, um davon zu leben, mein Herr. Es verlohnt ſich wirklich nicht der Mühe, etwas Beſſeres und Edleres thun zu wollen, und den Menſchen, welche einander nicht einmal die Früchte auf den Bäumen gönnen, die Gott hat wachſen laſſen, den Menſchen die Früchte unſeres Geiſtes, welche der Gedanke hat wachſen laſſen, darzubringen. Ich habe viele Bücher geſchrieben, ich habe den Franzoſen lange Gelegenheit ge⸗ geben, zu denken, aber es war umſonſt, ſie dachten nicht! Jetzt gebe ich ihnen Gelegenheit zu ſingen, und ſie ſingen!*)
Aber es will mich bedünken, als ob die Franzoſen zuweilen eine ziemlich rauhe und unmelodiſche Muſik machten, rief der Fremde leb⸗ haft, als ob ihnen die rechte und wahre Harmonie verloren gegangen wäre, und eine große, ungeheure Diſſonanz bald unſere Ohren zerreißen ſollte. Sie, welcher zugleich ein großer Muſiker, und ein großer Phi⸗ loſoph ſind, Sie werden mir ſagen können, ob ich irre, oder ob meine Befürchtungen Wahrheit ſind!
Ramshorn, S. 140.
G
*) Rouſſeau's eigene Worte.


