Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 4. Band (1857)
Entstehung
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Sie irren Sich, Herr Graf, ſagte Ludwig rauh, ich beſuche die Kriegsſchule nicht oft, ja, ich habe ſie ſogar noch niemals beſucht!

Aber dies iſt ja unmöglich, Sire, rief Joſeph heftig. Sie kennen auch nicht die Kriegsſchule? Sie kennen alle die großartigen Inſtitute nicht, welche der königliche Geiſt Ihrer Vorfahren geſtiftet hat? Aber wie kann man denn hoffen, ſeinem Volk ein guter und brauchbarer Herrſcher zu werden, wenn man nicht einmal das kennt, was das Volk beſitzt, und darnach ermeſſen kann, was ihm fehlt? Es iſt Ihre Pflicht, Sire, Alles zu kennen und zu prüfen, nicht das allein, was in Paris exiſtirt, ſondern ſie müßten Frankreich alle Jahre durchreiſen, in jeder der großen Städte einige Tage reſidiren, und genaue Kenntniſſe ſam— meln von den Wünſchen und Bedürfniſſen jeder Provinz und jeder Stadt.*)

Ich finde doch, daß die Weisheit ſehr aufdringlich ſein kann, ſagte Ludwig heftig und mit finſterm Angeſicht, indem er die Tafel aufhob, und ſich mit einer kurzen und haſtigen Verbeugung von dem Kaiſer ab⸗ wandte.

Marie Antoinette richtete ihre Augen mit einem ängſtlichen Aus— druck auf das Antlitz des Kaiſers, um in ſeinen Mienen zu leſen, wel⸗ chen Eindruck die barſchen Worte des Königs auf ihn gemacht hätten. Aber Joſeph's Antlitz war heiter und klar, und mit vollkommener Un⸗ befangenheit wandte er ſich jetzt an den Grafen von Artois und be⸗ gann mit dieſem eine lebhafte Unterhaltung, denn der Prinz, welcher ein großer Freund der Malerei war, hatte heute zum erſtenmal mit Erſtaunen von den Schätzen vernommen, welche der König in ſeinen Magazinen beſäße, und bat den Kaiſer jetzt um nähere Auskunft über dieſelben.**)

Die Königin kehrte in ihre Gemächer zurück, innerlich froh, dieſes Diner en famille beendigt zu haben, und ganz entſchloſſen, den König

*) Des Kaiſers eigene Worte. Campan, I, 79.

**) Dieſe Unterredung des Grafen von Artois mit Kaiſer Joſeph trug ihre guten Früchte. Schon wenige Wochen nach der Abreiſe des Kaiſers legte der Graf von Artois einen Plan vor zu dem Baue eines neuen Muſeums, in welchem die Gemälde aufgeſtellt werden ſollten, und der Bau dieſes Muſeums ward ſofort begonnen.

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