abgeriſſenen Fetzen des Kaiſerpurpurs ſich eine Narrenjacke eigener Fürſtenſouverainetät herauszuflicken! Haben Sie geſehen, Freund, zu welcher Jammergeſtalt dieſe vielen kleinen Fürſten das große, herr⸗ liche Deutſchland zerpflückt und zerriſſen und was ſie gemacht haben aus dem deutſchen Kaiſerreich? Haben Sie die Fürſtenherrlichkeit in München und in Stuttgart und die Majeſtät all dieſer kleinen deut⸗ ſchen Fürſten und Zwingherrn geſehen, deren Lande wir im Verlauf einiger Stunden durchreiſt ſind, und die da eben ſo viel Macht, ſo viel unumſchränkte Souverainetät beſitzen, als der größte und mächtigſte Herrſcher?.
Es iſt wahr, ſagte Graf Roſenberg ſeufzend, Deutſchland hat gar viele Fürſten und Herrren!
Ja, es hat gar viele Fürſten und Herren, wiederholte der Kaiſer glühend, und darum iſt ſein eigentlicher Herr, darum iſt der deutſche Kaiſer eine trübſelige Jammergeſtalt geworden und zu ſchmachvoller Bedeutungsloſigkeit herabgedrückt. Darum tobt der Unfriede und Krieg beſtändig in ſeinen eigenen Eingeweiden, darum iſt Deutſchland nur noch ein hohler Name, den die andern Nationen verlachen, und der für uns ſelber kaum noch eine Bedeutung hat. Ach, wenn die Deutſchen, die ſich doch immer ſo gute Patrioten dünken, doch auch nur ein we⸗ nig wahrer deutſcher Vaterlandsliebe fähig wären, wenn ſie weder
Gallomanie noch Anglomanie, weder Pruſſomanie noch Auſtromanie
hätten, ſondern wenigſtens eine Anſicht, die ihnen eigen wäre und nicht von Andern erborgt, wenn ſie wenigſtens ſelbſt ſehen und prüfen woll⸗ ten, während ſie meiſt nur das Echo einiger elenden Intriguanten und Pedanten ſind!*) Aber der Preuße zankt ſich mit dem Oeſterreicher, der Baier mit dem Sachſen, der Würtemberger mit dem Badenſer, der Heſſe mit dem Schwaben, Jeder will ſein eigenes Geburtsland als ſein Vaterland hochgeſtellt wiſſen, und über den vielen deutſchen Vater⸗ ländern vergeſſen Alle das gemeinſame, große, deutſche Vaterland, ver⸗ geſſen ſie Deutſchland!
Aber Kaiſer Joſeph wird einſt der Kaiſer von Deutſchland ſein,
*) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Joſeph II. Briefwechſel u. ſ. w. S. 175.


