Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 4. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

den jubelnden Klang eines Liedes, das ſich ein Mädchen auf der Heu⸗ wieſe ſang, und leiſe dazu rauſchte der Rhein mit ſeinen grünen Wo⸗ gen das ewig junge und ewig unvergängliche Lied von der Schönheit der Welt und der Herrlichkeit der Natur.

Der Kaiſer, welcher anfangs raſch vorwärts geſchritten war, ſtand ſtill und ließ ſeine Blicke lange und mit entzücktem Ausdruck über die reizende, üppige Landſchaft dahin ſchweifen.

Sehen Sie nur, Freund, ſagte er nach einer langen Pauſe, ſehen Sie, wie ſchön Deutſchland iſt. Schön wie ein lächelnder, friedlicher Knabe, der aber auf ſeiner Stirn und in ſeinem Antlitz die Züge trägt, welche verrathen, daß er einſt zu einem Manne, zu einem Helden er⸗ ſtarken könnte!

Sie werden den Knaben zu dieſem Manne und zu dieſem Helden erziehen, Majeſtät, rief Graf Roſenberg.

Der Kaiſer runzelte leicht die Stirn. Sie ſind noch in dem Pa⸗ rademarſch unſerer bisherigen Reiſe, Freund! ſagte er haſtig. Ver⸗ geſſen Sie jetzt wieder den ganzen Firlefanz der Majeſtät und der Kaiſerwürde. Sie wiſſen nur zu gut, daß ich eben nicht ſonderliche Freude von meinem Kaiſerthum habe und daß ich gar hart und kum⸗ mervoll zu tragen habe an meiner Mitregentſchaft, unter der ich hindurch ſchleichen muß, wie einſt die Gefangenen der Römer unter dem Joch!

Aber eine Zeit wird kommen, Herr Graf, wo das Joch verſchwindet und wo der Kaiſer groß und frei ſein Haupt emporhebt, rief Graf Roſenberg. An dieſem Tage wird eine neue Sonne des Glücks über Deutſchland aufgehen!

Der Himmel gebe, daß Sie Recht haben, ſagte der Kaiſer tiefbe⸗ wegt. Mein Wille iſt gut, möge Gott ihm das Vollbringen geben! Oh, Freund, wir ſind hier allein! Niemand hört uns, als Gott allein, Niemand ſieht uns, als Deutſchland, das da in lachender Herrlichkeit ſich vor uns ausbreitet. Hier an den Grenzen Deutſchlands darf der arme deutſche Kaiſer es wohl wagen, in das Herz des treuen und be⸗ währten Freundes ſeine Klagen und ſeinen Kummer zu ergießen und eine Thräne zu weinen über den zerfetzten Purpurmantel ſeiner deut⸗ ſchen Kaiſerherrlichkeit. Wie haben die deutſchen Fürſten und Raub⸗ ritter an dieſem Mantel gezerrt und geriſſen, Jeder für ſich aus einem