158
Nein, ſicherlich nicht, Madame, rief der König lachend.
Wollen Ew. Majeſtät mir alſo die Erfüllung meines glühenden Wunſches geſtatten? Darf ich die Sonne aufgehen ſehen?
Ich denke, Madame, Sie haben darnach Niemand anders zu fragen als Ihre eigenen ſchönen Augen, von denen allein es abhängt, ob ſie ſich ſchon um drei Uhr Morgens aufſchlagen und den Schlaf von ihren Wimpern ſchütteln wollen.
Oh, was meine Augen anbetrifft, ſo werde ich dieſe wohl zum Gehorſam zwingen können, rief Marie Antoinette lächelnd, und ſie werden gar nicht nöthig haben den Schlaf abzuſchütteln, da er ſie bis nach dem Aufgang der Sonne gar nicht heimſuchen wird.
Und indem ſich die Königin der Geſellſchaft zuwandte, fuhr ſie fort: Da Keiner von Ihnen Allen mein Räthſel gelöſt hat, ſind Sie Alle der Strafe verfallen. Ich verurtheile Sie daher, ſämmtlich mit uns die Sonne aufgehen zu ſehen, und ſo lange hier in unſerer Nähe zu verweilen, bis der Moment dazu gekommen iſt. Wir werden uns alsdann Alle hinaus begeben auf den kleinen Berg am Ende des Parks, und von dort aus dem Schauſpiel zuſehen, das der Himmel vor uns aufthun wird. Darf ich hoffen, Sire, daß Sie in der Großmuth Ihres königlichen Herzens nicht Gebrauch machen werden von dem Vorrecht, welches Ihnen Ihre Gelehrſamkeit gewährt? Sie ſind der Einzige, wel⸗ cher mein Räthſel zu löſen vermochte, aber ich hoffe, daß Sie dennoch Sich nicht ausſchließen, ſondern mir das Glück gönnen, mit Ihnen ge⸗ meinſam die Sonne aufgehen zu ſehen?
Der König machte ein etwas verlegenes und ängſtliches Geſicht, und öffnete ſchon den Mund zu einer Antwort, als der Hofmarſchall
an den geöffneten Thüren des Speiſeſaals erſchien, und ſich dem König nähernd, mit lauter Stimme ſagte: Le Roi est servi!
Ah, laſſen Sie uns Alle erſt zu Tafel gehen, rief der König. Zu dem großen Werk, das Sie vorhaben, bedarf der Körper wohl einiger Stärkung!
Er reichte ſeiner Gemahlin den Arm, und führte ſie, unter dem Vortritt der Hofchargen, und gefolgt von den Prinzeſſinnen und der
Hofgeſellſchaft in den Speiſeſaal, wo zwei Tafeln, eine für das Königs⸗—


