Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 3. Band (1857)
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ſterwerk der Etiquette und gehörte deshalb, wie geſagt, zu den größten Genüſſen der Frau von Noailles, welche niemals ein befriedigteres und glücklicheres Geſicht zeigte, als in dieſen Stunden, wo die Königin gewiſſermaßen willenlos in ihre Hand gegeben war.

Marie Antoinette bemerkte auch heute mit einem heimlichen Lächeln dieſe tiefe Befriedigung auf dem Antlitz ihrer Tyrannin, und ſchien ſich ſanfter und williger wie ſonſt ihren Anforderungen zu fügen.

Die erſte Ehrendame goß das Waſſer in das goldene Lavoir, und Marie Antoinette, welche wenigſtens das Recht hatte ſich ſelber die Hände zu waſchen, hielt dann ihre Hände geduldig hin, bis die Ehren⸗ dame aus den Händen der erſten Kammerfrau das Handtuch entgegen genommen, um es dann mit einer feierlichen Kniebeugung der Königin zu überreichen.

Alsdann folgte der zweite Act der Toilettenſtunde, der wichtige Moment, in welchem die Königin ihr Hemd wechſelte, und das geſtickte und mit Spitzen beſetzte, künſtlich gearbeitete Nachthemd mit dem ein⸗ fachern Batiſthemde des Tages vertauſchte.— Dieſes Anziehen des Hemdes war allzeit einer der feierlichſten und erhabenſten Momente der königlichen Toilette geweſen, und auch bei der Toilette der Könige nahm es eine wichtige Stelle ein. Bei den großen Levers des Königs war nur ein Prinz von Geblüt berechtigt, dem König das Hemd darzurei⸗ chen, bei den kleinen Levers bezeichnete der König jedes Mal denjenigen ſeiner Cavaliere, welchem er dieſe Gunſt widerfahren laſſen wollte, und dieſer glückliche und beneidete Sterbliche gehörte dann für den gan⸗ zen Tag zu der nächſten Umgebung des Königs; er war berechtigt an der königlichen Tafel zu ſpeiſen, und durfte bei der Jagd in die Kutſche des Königs ſteigen.

Auch bei der Toilette der Königin war für das Hemd eine be⸗ ſondere Etiquette gebräuchlich, und der Königin das Hemd überzuwer⸗

fen war eine Ehre, die allemal nur der vornehmſten und erſten Dame, welche ſich in Gegenwart der Königin befand, bewilligt werden durfte.

Die Gräfin von Noailles ſollte heute dieſer Ehre theilhaftig wer⸗ den. Schon hatte Marie Antoinette ihr Nachtgewand von ihren Schul⸗ tern niedergleiten laſſen, und ihre wunderſchöne Geſtalt ward bis zu

dem Gürtel unverhüllt ſichtbar. Marie Antoinette erröthete Gt

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