Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 3. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— e

116

eine Königin, das heißt ein Popanz der Etiquette, ſondern auch eine Frau zu ſein, welche Herz und Sinn hat für alles Schöne, Große und Gute, und den Muth und Willen das zu zeigen, zu äußern und zu bethätigen, ſelbſt wenn es nicht vereinbar wäre mit denjenigen Regeln, welche Frau von Noailles mit unermüdlicher Gelehrſamkeit aus den alten Pergamentbüchern vergangener Jahrhunderte zuſammengeſucht hat, um mir aus dem Königthum eine Qual, und aus der goldenen Krone eine Dornenkrone zu machen. Ich will dem franzöſiſchen Volk zeigen, daß die Tugend und Reinheit ihrer Königin keiner Vertugadin, keiner Etiquette und keines Ceremoniells bedarf, und daß der Glanz und die Glorie des Königthums nicht in dem Schein und den Formen, ſondern in der innern Wahrhaftigkeit und dem reinen Selbſtbewußtſein ſich äußert. Bis hierher ſind die Königinnen von Frankreich Marionetten geweſen in den Händen der Etiquette, ich will ſie ſrei machen, und die Mario⸗ nette in eine Frau verwandeln, welche das franzöſiſche Volk um ihrer ſelbſt willen lieben kann, und deren Leben offen und unverhüllt vor ihm daliegt, damit das Volk ſehe, daß ſeine Königin die Tugend liebt, und ihr folgt aus freiem Antrieb und freier Entſchließung!

Das heißt königlich geſprochen und gedacht, ſagte eine ſanfte Stimme hinter ihr, und wie die Königin erſchrocken ſich umwandte, ſah ſie den König, welcher auf der Schwelle der kleinen Thür ſtand, welche von dem Cabinet der Königin in die Gemächer des Königs führte. Der König hatte, um ſeine junge Gemahlin zu überraſchen, dieſe Thür leiſe geöffnet, und ſo die letzten Worte der Königin vernommen.

Die Miniſterliſte.

Marie Antoinette eilte ihrem Gemahl mit einem heitern Lächeln entgegen, und wie ſie ihm ihre Hand darreichte, hob der König dieſe an ſen Lippen empor, und füigie ſie ſo innig, daß die Königi