Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 3. Band (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

39

ſind die Böſen bemüht, den Staub der Gemeinheit darauf zu werfen, und ihr eine um die andere die Federn aus ihren Engelsflügeln aus⸗ zureißen! Warnen Sie die Dauphine! Sie möge auf ihrer Hut ſein vor ihren Feinden, aber ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, ich gehöre nicht zu dieſen. Marie Antoinette wird das niemals glauben wollen, und das wird die Todesſtunde ſein, an der ich einſt ſterben werde!— Ich bitte Ew. Majeſtät, mich jetzt entlaſſen zu wollen!

Ohne eine Antwort der Kaiſerin abzuwarten, verbeugte ſich der

Fürſt, und wandte ſich dann der Thür zu. Maria Thereſia ſchaute

mit trüben, ſinnenden Blicken ſeiner hohen, ſtolzen Geſtalt nach, und längſt noch, nachdem die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, blieb ſie ſo ſtehen, den traurigen und ahnungsvollen Gedanken nachhängend, die wie eine düſtre Wolke ihre Seele beſchatteten.

Ja, er hat Recht, ſagte ſie dann, in ſich erſchauernd, ſie wandelt am Rande eines Abgrundes dahin, und man muß ſie warnen vor der Gefahr! Ich will Jemand hinſchicken zu ihr, der ſie beobachtet, der ſie warnt, der ihr Rath ertheilt. Mein Gott, mein Gott, wo aber finde ich Jemand, der das wagen wird? Jemand, der unabhängig, edel und großmüthig genug iſt, um eine ſolche ſchwierige Aufgabe übernehmen zu wollen? Wer liebt ſie genug, um ſelbſt ihren Zorn nicht zu fürch⸗

ten, und ſie inmitten der Schmeichelei, welche ſie umgiebt, die Stimme

des Tadels und der Warnung hören zu laſſen? Wem vertraut ſie ge⸗ nug, um ihm zu verzeihen, wenn er es wagt, bei ihr den Mentor zu ſpielen? Ach, ſie iſt ſo unglücklich, meine arme Antoinette, und ich hab' nicht die Kraft ihr zu helfen! Es iſt ein elend Ding um unſre Erden⸗ macht, und mit allen Schätzen der Welt erkauft man ſich doch keinen Freund, der ſonder Eigennutz und Furcht uns liebt um unſerer ſelber willen! Du mein Gott, hilf Du der armen Kaiſerin, laß ſie den Freund finden, deſſen ihre arme Tochter ſo ſehr bedarf.