Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Kaiser Joseph und Marie Antoinette : 3. Band (1857)
Entstehung
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Nichte weilte, und mit wahrer Andacht, mit tiefem Entzücken lauſchte er auf dieſe Muſik, welche ihm alle Leiden und Qualen, alle Entzückungen und Wonnen eines Menſchenherzens zu verrathen ſchien. Wie dieſe Töne klaagten und weinten, welch eine tiefe, leidenſchaftliche Seele in dieſer nhue Stimme ſich verrieth! Das war nicht mehr ſeine Nichte, wilde Comteſſe Starhemberg, das war ein junges Mädchen voll tiefen, leidenſchaftlichen Gefühls, ein junges Mädchen voll Schüch⸗ ternheit und Gluth, voll Unſchuld und Liebe!

Oft unterbrach ſie ſich mitten in ihrem Geſang, und es ſchien dann, als ob Schluchzen ihre Stimme erſtickte, als ob der Schmerz ſie übermannte, und ihre Muſik ſich auflöſte in Thränen. So war es allnächtlich geweſen, aber nie hatte der alte Graf ſeine Nichte ſo, wundervoll ſingen, ſo leidenſchaftlich klagen und weinen gehört, als in der Nacht, welche ihrem dritten Abenteuer mit dem Kaiſer gefolgt war, in dieſer Nacht, die dem Tage vorherging, an welchem Leonore ihren Entſchluß faſſen ſollte.

Und wie er ſie ſo laut weinen hörte, hatte die Liebe und das Mitleid ſelbſt ſeine Scheu vor der Heftigkeit ſeiner Nichte überwunden, und ohne weiter zu überlegen, nur ſeinem Herzen folgend, öffnete er die Thür und trat ein.

Leonore bemerkte ihn gar nicht. Sie war von ihrem Stuhl am Clavier zur Erde niedergeſunken, und das Haupt tief auf ihre Bruſt geneigt, die gefaltenen Hände hoch emporgehoben zum Himmel, weinte und ſchluchzte ſie laut. Das weiße Nachtgewand war von ihren Schul⸗ tern herabgeglitten, das lange aufgelöſte Haar fiel über die knieende Geſtalt wie ein dunkler Trauerſchleier nieder.

Als der Graf mit zärtlichem Ton ihren Namen rief, blickte ſie auf; der Schein der Kerzen, welche am Clavier ſtanden, fiel gerade auf ihr Antlitz, über welches die Thränen wie lichte Perlen niederrollten. Das Kommen des Grafen ſchien ſie gar nicht zu überraſchen und zu erzürnen, ſie hob die Augen mit einem unbeſchreiblich rührenden Aus⸗ druck zu ihm empor, und ſagte leiſe und wehmüthig: Sieh, mein Oheim, was die Kaiſerin aus mir gemacht hat!

Der Graf neigte ſich zu ihr nieder, und zog ſie ſanft empor in ſeine Arme; willenlos wie ein Kind ließ ſie ſich aufrichten, und lehnte